Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,41

Herrn
Herrn Wilhelm Speyer
Wohlgeb.


Cassel am 23sten
September 22.

Herzlich geliebter Freund,

Ihren lieben Brief hätte ich längst beantworten sollen, aber eine Menge Geschäfte im Theater sowie der Besuch unserer Bekannten haben mich immer davon abgehalten. Entschuldigen Sie es und vergelten Sie nicht gleiches mit gleichem.
Im nächsten Monath wird Dotzauer1 aus Dresden, erster Violoncellist der dortigen Chapelle mit seinen beiden Virtuosen-Kindern2 nach Frankfurt kommen. Er hat mich sehr gebeten ihn dort zu empfehlen und ich habe ihn an sie adressirt weil ich weiß das Vater und Söhne meiner Empfehlung Ehre machen werden. Ich bitte Sie recht sehr sich seiner freundlich anzunehmen und ihn mit den Leuten in Frankfurt bekannt zu machen, die zum Nutzen und Vergnügen seines dortigen Aufenthalts beytragen können.
Beyliegenden Empfehlungsbrief nach Amsterdam bitte ich ihm einzuhändigen.3
Neues gibt es hier wenig bey unserm Theater, ausgenommen daß uns die Wiener die Sontag weggekapert haben4 und daß wir nun mit der Schröder in Unterhandlung stehen.5 – In der nächsten Woche fange ich die Proben von Faust an. Die Oper wird reich ausgestattet werden. Wenigstens gewährt mir die Arbeit außerordentliche Freude. Der 2te Akt ist bis auf eine Arie fertig und ich glaube, daß mir das Finale besonders gut gelungen ist.
Morgen wird Bärmann Concert geben. Wiele spielt darin ein Concert v. Laffont. Heute war die Probe. Bärmann hat sich von der ekelhaften Süßigkeit losgemacht, die sonst in seinem Spiel vorherrschte; dabei hat aber sein Ton verloren.6
André war hier zur gleichen Zeit mit den beyden Grund's. Da haben wir fleißig Musik gemacht, noch mehr aber uns herumgetrieben. Etwas traitabler7 ist er übrigens geworden! –
Vor Monathen bereits beklagte ich mich bey der Müncher Theater Intendanz, daß sie meine Oper [von einem] Schleichhändler und nicht von mir, dem einzigen rechtmäßigen Besitzer gekauft habe. Heut erhielt ich endlich eine Antwort, enthaltend eine Menge Entschuldigungen und die Nachricht, daß die Theaterkasse angewiesen sey, mir das verlangte Honorar zu übersenden. Die sehen ihr Unrecht spät ein, machen es aber sogleich wieder gut.8 Es nimmt mich dies um so mehr Wunder, da meine Oper nur ein einziges Mal gegeben worden ist und dann auf Befehl des Königs liegen blieb, der es mir übel genommen hat, daß ich eine Gretry'sche Oper noch einmal komponirt habe. Er hat wirklich die alte Musik [ver]langt, bis jetzt ist sie indeßen noch nicht gegeben worden. Diese [Nachrich]ten habe ich von Bärmann.
Die herzlichsten Grüße von uns allen an Ihre liebe Familie. Erfreuen Sie mich bald mit einem Briefe. Stets derselbe
L. Spohr.

NS. Meine Frau bittet Sie recht sehr um das Rezept zur Blutreinigung nebst Anweisung zum Gebrauch. Emilie soll es gebrauchen.



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 26.08.1822. Speyer beantwortete diesen Brief am 20.10.1822.

[1] Justus Johann Friedrich Dotzauer.

[2] Justus Bernhard Friedrich und Carl Ludwig Dotzauer.

[3] Dieser Brief ist bislang verschollen.

[4] Im November 1823 versuchte Karl Feige ein zweites Mal Henriette Sonntag und ihre Mutter Franziska nach Kassel zu engagieren (Reinhard Lebe, Ein deutsches Hoftheater in Romantik und Biedermeier. Die Kasseler Bühne zur Zeit Feiges und Spohrs (= Kasseler Quellen und Studien 2), Kassel 1964, S. 69; Lebe stützt sich hier auf Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM) Sign. Best. 300 Nr. A 6/1/1). 

[5] Dieses Engagement kam aus finanziellen Gründen nicht zustande (vgl. Lebe, S. 69f.).

[6] Vgl. „Cassel”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 25 (1823), Sp. 143-148, hier Sp. 147.

[7] traitable (frz.) = umgänglich.

[8] Vgl. Louis Spohr, „Aufruf an deutsche Komponisten”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 25 (1823), Sp. 457-464, hier Sp. 460, Anm. **.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.02.2016).