Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Pyrmont den 2ten August 1822.

Geehrtester Herr Capellmeister!

Sie werden mich gewiß in das Register der Windbeutel geschrieben haben, u. zwar mit Recht, obgleich ich1 oft die Feder ansetzte Ihnen2 den Ausgang meiner Coburger Schicksale mitzutheilen. D[ie] letzte Zeit bot der fatale Schneider Alles auf mich zuverdrängen, ich kam ihm aber zuvor und wüßte der Narre welche vergnügte Stunden ich in Münster3 verlebe, so würde er vielleicht ganz verrückt. Der Herzog war die letzte Zeit außerordentlich gnädig, u. machte mir den Antrag ob ich die 2 Jahre welche ich in Münster zubringen müßte, als Urlaub betrachten wollte. Ich habe diese Gnade angenommen, jedoch werde ich schwerlich Münster wieder verlassen. Wie meine Verhältnisse dort sind, wird Ihnen der Ueberbringer dieses Herr Kufferath (welcher 8 Tage bei mir war) erzählen. Ich habe mit dem H. Kuffer. das Rondo von Ihren herrlichen Concertante gespielt, u.4 beneide diesen bescheidenen jungen Mann, nicht mit ihm nochmals das Glück zu haben, einige Zeit um Ihnen seyn zu können. Von Münster habe ich [ein]e Reise mit H. Kufferath hieher gemacht, u. denke in 8 Tage Conzert zu geben.Montag giebt die Demoisell Kainz5 aus Wien Conzert, welche ich kürzlich in Osnabrück gehört habe. Sie hat einen großen Ton, aber ließ mich kalt. Die Mutter6 der Sängerin ist eine eingefleischte Rossinianerin, u. will behaupten daß kein deutsches Orchester die Rossinischen Opern spielen könnte. Ich habe sie schwatzen lassen, hätte sie aber gern nach Coburg zu Schneider geschickt, weil sie an dem Ihren Mann gefunden hätte. – Ich werde mir die Freiheit nehmen Ihnen dann u. wann einige Zeilen zu schreiben lieber Herr Kapellmeister, ueberhaupt daß Sie an meinem Schicksaal immer einigen Antheil nehmen werden. Nach meinem Conzert reise ich nach Münster zurück u. nehme meinen Bruder7 von Detmold mit, welcher viel Talent zur Music zu haben scheint. Jezt bitte ich recht sehr mich Ihrer werthen Frau Gemahlin u. dem Töchter bestens zu empfehlen u. bin ewig Ihr Sie herzlich
liebender u. dankbarer Schüler

Georg Schmidt.

Autor(en): Schmidt, Georg
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Kainz, Katharina
Kainz, Marianne
Kufferath, Johann Hermann
Schmidt, Adolph
Schneider, Georg Lorenz
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Vl 1 2 Orch, op. 48
Erwähnte Orte: Münster
Pyrmont
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Coburg>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822080240

http://bit.ly/3rBQ9Vl

Spohr



Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmidt an Spohr, 03.05.1823.

[1] Hier gestrichen: „schon“.

[2] Hier gestrichen: „über“.

[3] Hier gestrichen: „genieße“.

[4] „u.“ über gestrichenem „[???] Ich“ eingefügt.

[5] Marianne Kainz.

[6] Katharina Kainz.

[7] Derzeit sind zwei Brüder von Schmidt bekannt. Da sich der genannte Bruder offensichtlich noch in seiner musikalischen Ausbildung befindet, dürfte hier eher der jüngere Bruder Adolph (*1806) als der ältere Friedrich Ludwig (* 1803) gemeint sein (vgl. FamilySearch). Dafür spricht vielleicht auch, dass vier Jahre später ein Musiklehrer A. Schmidt in Münster zu den Subskribenten des Klavierauszugs zu Spohrs Oratorium Die letzten Dinge gehörte (vgl. Georg Schmidt an Spohr, 31.12.1826, Anm. 2).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.02.2022).