Autograf: Wienbibliothek im Rathaus Wien (A-Wst), Sign. H.I.N.-29497
Druck: Lucian Schiwietz, Johann Peters Pixis. Beiträge zu seiner Biographie, zur Rezeptionshistographie seiner Werke und Analyse seiner Sonatenformung, Frankfurt a.M. u.a. 1994, S. 57 (teilweise)

Wien den 29ten April 1822

Hochgeschätzter Freund!

Schon lange würde ich Ihnen wieder einmal geschrieben, und Nachricht von mir und unserm Wien gegeben haben, allein lange wußte ich nicht zu erfahren, wo Sie sich aufhielten, und, später hielt mich der Aerger über die laue Aufnahme Ihrer herrlichen Oper Zemire und Azor davon ab.1
Seitdem ist der Geschmack noch viel südlicher geworden, und die neapolitanische Operngesellschaft hat ihn seit 3 Wochen auf die höchste Spitze getrieben2; Niemand will etwas anders als diese hören und sehen, und ich fürchte, es werde lange keine deutsche Musik mehr Eingang in die Ohren und Herzen der lieben Landsleute finden; ich war3 der Erste, der diese Erfahrung am 25ten April mit einer neuen Oper machte, und tröste mich mit dem freilich traurigen Gedanken, daß ich nicht der letzte seyn werde. –
Ich habe ein gozzi‘sches Märchen: der Rabe unter dem Titel: der Zauberspruch: für das Theater an der Wien componirt, und nachdem es schon im Febr. hätte gegeben werden sollen, sah ich mich endlich beinahe gezwungen, es jetzt, grade in die Zeit der italienischen Oper hineinzuschieben; der Erfolg war gerade nicht schlecht zu nennen, denn es wurden mehrere Nummern lebhaft beklatscht und ich nach jedem Akte gerufen, allein das Ganze griff doch nicht durch, und deshalb lag mir auch am herausrufen nicht so viel.4
Man hat hier das Gerücht verbreitet, sie suchen Virtuosen für die Casseler Hofkapelle zu engagiren und ich bin zufällig im Stande, Ihnen einen sehr geschickten Hoboisten empfehlen zu können; es ist dieses Herr Sellner, der beym Conservatorium als Professor und beym Theater an der Wien als erster Hoboist angestellt ist. Er gehört zu den allerausgezeichnetsten Künstlern, nicht allein auf seinem Instrumente, sondern auch wegen seiner musikalischen Bildung als Tonsetzter; verschiedene Ursachen würden es ihm wünschenswerth machen, Wien zu verlaßen wenn er nämlich ein anständiges, sicheres und lebenslänglicher Brod in einer Hofkapelle Deutschlands fände; unter Ihrer Leitung zu5 stehen, würde ihn ganz glücklich machen, denn er ist einer Ihrer allerwärmsten Verehrer von jeher gewesen. Sollte für ihn noch ein Platz übrig seyn, so empfele ich Ihnen, mein verehrter Freund, diesen Mann auf das beste, und bringe dafür, daß es Sie nie eueren und er eine Zierde Ihrer Kapelle seyn wird. Freilich müßen die Bedingungen, von der Art seyn, daß er ruhig und sorgenfrey leben kann. Doch daß wissen Sie, besser als ich und es versteht sich von selbst. Ich ersuche Sie mir mir gefälligst recht bald Nachricht zu geben ob und wie die Sache steht, damit Herr Sellner sich bei Zeiten darnach richten können; Sie dürfen nur die Freundschaft haben, mir unter unten stehender Adresse zu schreiben, dann werde ich Ihnen alles besorgen, was Sie bestimmen.
Ich hoffe, es geht Ihnen und Ihrer lieben Frau und Töchtern recht wohl? meine Mutter läßt Ihnen allen recht viel Schönes sagen, und sich in Ihr freundschaftliches Andenken empfehlen; Ich, mein geehrter Freund grüße Sie herzlich in Gedanken und bin, in Erwartung einer baldigen Antwort

Ihr
unveränderlicher
Freund
J.P. Pixis

Wieden, goldener
Adler, No 6 Stiege
4, zweiten Stadt.

Erwähnte Personen: Sellner, Joseph
Erwähnte Kompositionen: Pixis, Johann Peter : Der Zauberspruch
Rossini, Gioachino : Zelmira
Spohr, Louis : Zemire und Azor
Erwähnte Orte: Wien
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Hoftheater am Kärntnertor <Wien>
Theater an der Wien <Wien>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822042944

http://bit.ly/343nDgZ

Spohr



Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Pixis, 12.06.1828.

[1] Vgl. „Wien. Uebersicht des Monats December”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 24 (1822), Sp. 58-66, hier Sp. 59f.; „Tagebuch der Wiener-Bühnen. Jänner 1822”, in: Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt 15 (1822), S. 34f., hier S. 35; Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1821), S. 73f. „Schauspiele. Kaiserl. Königl. Hoftheater nächst dem Kärntnerthore”, in: Sammler 14 (1822), S. 7f., hier S. 8; „Hoftheater nächst dem Kärntnerthor”, in: ebd., S. 48.

[2] Zur Aufführung von Gioachino Rossinis Zelmira vgl. F[riedrich] A[ugust] Kanne, „K.K. Theater nächst dem Kärnthner-Thore“, Allgemeine musikalische Zeitung <Wien> 6 (1822), Sp. 249-254, 265-278 und 281-284; „Wien. Uebersicht des Monats April“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 24 (1822), Sp. 349-362, hier Sp. 349-354.

[3] Hier gestrichen: „einer“(?).

[4] Vgl. „Theater an der Wien“, in: Allgemeine musikalische Zeitung <Wien> 6 (1822), Sp. 350f.; „Wien. Uebersicht des Monats April“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 24 (1822), Sp. 349-362, hier Sp. 355f.; zur späteren Aufnahme siehe „Wien. Uebersicht des Monats May“, in: ebd., Sp. 456-467, hier Sp. 459f.

[5] Hier gestrichen: „stehen“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit nicht in den Anmerkungen anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.11.2019).