Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,203
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 65f. (teilweise)

Offenbach am 13 April 1822.

Theurer Freund!

Mit wahrer Freude habe ich aus Ihrem Schreiben die günstige Aufnahme Ihrer Oper ersehen. Auch in der Frankfurter Post-Zeitung1 las ich einen, Sie sehr ehrenden Artikel aus Cassel der mir großes Vergnügen verursachte. Ich bin begierig zu erfahren, ob und wie die Casseler Correspondenten darüber in den öffentlichen Blättern reden werden. Schon längst war es unsere Absicht, der Art und Weise, wie mehrere Berichterstatter aus Wien und München der Oper erwähnten, nachdrücklich zu begegnen und jezt bin ich in dieser Absicht nur bestärkt. Schnyder, dem ich in seiner Eigenschaft als ordentlicher Korrespondent der mus. Z. nicht vorgreifen will, hat gegenwärtig mit der Redaction einen Streit, über einen ihn zurückgesandten Aufsatz. In kurzer Zeit entscheidet es sich, ob er die Correspondenz behält oder nicht. Im letzteren Falle werde ich in die Schranken treten und, wenn auch nicht mit gleicher Kraft, doch wenigstens mit ebensoviel Erbitterung als Schnyder den Kampf beginnen. Mein Panier führt die Buchstaben S. P. O. R.2 ich bin daher unüberwindlich.
Ihrer Erlaubnis gemäß, sende ich Ihnen hiebei ein Heft Gesänge, welche ich Sie bitte aufmerksam durchzugehen, dasjenige was Ihnen allenfalls fehlerhaft erscheinen dürfte, nach eignem Gutdünken zu verändern, und im Fall Sie die Gesänge für würdig halten, der Oeffentlichkeit zu übergeben, solche an Peters in Leipzig zu senden, begleitet von einem Schreiben, in welchem Sie ihm gef. bemerken wollen, daß er das Heft umgehend an mich zurücksenden möge, im Fall er keinen Gebrauch davon machen könne, indem ich schon die Gesänge an Simrok übergeben werde, welcher jetzt während der Messe hier ist. – Ich bemerke Ihnen jedoch, daß es die einzige Abschrift ist, die ich besitze. –
Von Ihren Musikalien hatte ich früher folgende Sachen an meine Nachbarin Fräulein Bertha d’Orville geliehen, und bemerkte vor einigen Tagen daß ich solche vergessen hatte, einzupacken nämlich:
1) Sechs Lieder von Methfessel. 2) Das Italiänische In Tomba oscura von 12 Componisten3 und 3) noch 6 Lieder von Methfessel. – Wenn ich, wie ich hoffe auf Pfingsten zu Ihnen komme, bringe ich sie mit.
Erscheinen denn die Quartetten recht bald? Auch die Messe, welche ich schon Weynachten erwartete, ist noch nicht da!
Der Freyschütz ist hier nicht mit dem Enthusiasmus aufgenommen worden wie anderswo.4 – Ein Elegant5 der wahrscheinlich in mehreren öffentlichen Blättern gelesen, daß in Dresden, Berlin und Wien der Componist hervorgerufen worden, hat dieses auch hier versucht. –
Wiederholt wurde die Ouvertüre und der Jäger Chor. –
Weber kommt mir vor, wie ein gescheiter höchst erfahrener Weltmann, der alles Aueßere in sich aufnimmt, beugt und seine Erfahrungen, verbunden mit einem großen Compilationsvermögen, dem Publikum, mit der er sich auf einen Standpunkt zu stellen weiß, dargiebt. –
Von Innern kömmt wenig oder nichts. Daher das große Gefallen des Werks, weil er mit dem Geschmack der Meisten zusammen trifft die Bessere durch vortreffliche Argumente beschäftigt, und den Palpitis6 ihr Recht wiederfahren läßt. – Noch trägt das auch nicht wenig zum Succes der Oper bei. Indessen ist die Steigerung im 2t. Akt erschöpft und der 3t. bleibt matt. – Das Terzett im Wald ist mir eins der liebsten Stücke.
Sagen Sie mir doch mit wenigen Worten etwas über das Sujet Ihrer Oper, allenfalls nur den Titel u. wo die Handlung spielt Es kömmt so erstaunlich viel auf ein gutes Sujet an, daß die Componisten nicht vorsichtig genug sein können.
Empfangen Sie schließlich meinen herzlichen Dank für die Mühe, welche ich Ihnen mit meinen Gesängen mache, empfehlen Sie mich den lieben Ihrigen und schreiben Sie recht bald

Ihrem wahren Freunde
Wm. Speyer.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Speyer, 29.03.1822. Spohr beantwortete diesen Brief am 22.04.1822.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Anspielung auf die Inschrift der Banner des römischen Heers „S.P.Q.R.” = Senatus populus que romanus (Senat und Volk von Rom).

[3] Vermutlich eine Teilausgabe von In questa tomba oscura. Arietta con accompagnamento di Piano-Forte composta in diverse maniere da molti autori [...], o.O. o.J [1808?]. 

[4] Vgl. E. „Der Freischütz”, in: Iris (1822), S. 198ff. 

[5] Als Substantiv „ein Elegant, Stutzer, Zierling” z.B. in Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter, entstellenden fremden Ausdrücke zu deren Verstehen und Vermeiden, hrsg. v. Friedrich Erdmann Petri, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 165

[6] Vermutlich palpito (it.) = Herzschlag; vgl. auch Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch, S. 326

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.02.2016).

Offenbach, 13. April 1822.

Mit wahrer Freude habe ich aus Ihrem Schreiben die günstige Aufnahme Ihrer Oper ersehen ... Schon längst war es meine Absicht, der Art und Weise, wie mehrere Berichterstatter aus Wien und München der Oper erwähnten, nachdrücklich zu begegnen, und jezt bin ich in dieser Absicht nur bestärkt. Schnyder, dem ich in seiner Eigenschaft als ordentlicher Korrespondent der Leipziger Allgem. Musikal. Zeitung nicht vorgreifen will, hat gegenwärtig mit der Redaktion einen Streit. In kurzer Zeit entscheidet es sich, ob er die Korrespondenz behält oder nicht. Im letzteren Falle werde ich in die Schranken treten und, wenn auch nicht mit gleicher Kraft, doch wenigstens mit ebensoviel Erbitterung als Schnyder den Kampf beginnen. Mein Panier führt die Buchstaben S. P. O. R., ich bin daher unüberwindlich ...