Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,36
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 65 (teilweise)

Cassel am 29sten März
22.

Geliebter Freund,

Der Koffer und die beyden Kisten sind wohlbehalten angekommen und ich danke Ihnen herzlich für die Besorgung. Den Inhalt habe ich noch nicht examinirt und weiß daher nicht was Ihre Güte mir beygelegt hat. Recht sehr freue ich mich darauf, Ihre Quartetten zu spielen. Sobald wir unsere neue Wohnung bezogen haben, werde ich ein stehendes Quartett bei mir etabliren und sie dann zu hören bekommen. Auch auf ihre Lieder freue ich mich sehr; schicken Sie sie mir doch, oder besser, bringen Sie sie selbst. Es wird Ihnen gewiß hier gefallen! Herrn Schnyder grüßen Sie herzlichst von mir und sagen Sie ihm, daß ich mich sehr freuen werde, ihn wiederzusehn. Seine Sinfonie kann ich ihm jeden Augenblick in einer dazu veranstalteten Probe aufführen, wenn sich auch gerade keine Gelegenheit zu einer öffentlichen Präsentation finden sollte. Da ich während diesem Sommer gar nicht aus Cassel reisen werde, so wird mir Ihr Besuch zu jeder Zeit höchst willkommen seyn. Wollen Sie Cassel aber in seinem Glanze sehen so kommen Sie zum Pfingstfest.
Das Wichtigste für mich, was ich Ihnen zu melden habe, ist, daß am vorigen Sonntag meine Oper Zemire u Azor zum erstenmal recht vorzüglich gegeben und vom Publikum mit großem Enthusiasmus aufgenommen wurde1 Nach der Vorstellung wurde ich gerufen, eine Auszeichnung, die, solange Cassel steht, noch keinem Komponisten widerfahren ist. Der Beifall, mit dem jedes Musikstück aufgenommen wurde und der sich nach dem Ende zu immer mehr steigerte, hat mich einigermaßen über die ungünstige Aufnahme, welche die Oper in Wien und München gefunden hat, getröstet. Noch mehr hat mich der Umstand gefreut, daß die Oper mir selbst gefiel, der ich sie nun seit ein paar Jahren gar nicht gehört hatte und gegen ältere meiner Sachen ein gar strenger Richter bin. Ich habe mich nun aber überzeugt, daß diese Komposition, wie andere meiner Sachen, nur recht genau und im Geiste des Werks gegeben werden muß, um auch dem Nichtkenner zu gefallen, daß sie aber bei nachlässiger Aufführung leicht so verhunzt werden kann, daß auch der Kenner an ihr irre wird.
Die Besetzung hier war sehr vorzüglich, vorzüglicher als sie je in Frankfurt stattfand, die Sänger und das Orchester sehr genau eingeübt, die Oper mit Dekorationen, Garderobe, Tanz reich ausgestattet; so konnte es nicht fehlen! Ich lege Ihnen ein paar Zeitungsblätter bey, in denen von der ersten Aufführung die Rede ist. Die 2te und vor der Hand leider die letzte wird nächsten Sonntag stattfinden. Die Rolle der abgehenden Dem. Canzi muß nun erst von unserer neuen Sängerin Dem. Braun neu einstudirt werden und dazu werde ich, ihrer Gastrollen wegen, wohl sobald nicht kommen können. – Nun eine Bitte! Ich wünschte sehr, daß Sie oder Schnyder in einem der nächsten Briefe aus Frankfurt für die Musik. Zeitung meine Oper Zemire noch einmal erwähnten und auf den Umstand, daß sie da, wo ich sie selbst in Scene gesezt habe, allgemein gefallen habe, die Behauptung gründeten, daß das wenige Gefallen in Wien und München nur zu erklären sey, wenn man voraussetze, daß sie dort höchst nachlässig gegeben sey. Von Wien weiß ich dieß auch das bestimmt, indem Edward Grund bey der ersten Aufführung dort gegenwärtig war und mir treuen Bericht erstattet hat. Ich theile Ihnen nur einiges davon mit. Die Zemire sang Dem. Schröder eine Anfängerin im Gesange, die so wenig Geläufigkeit hat, daß man ihr alle Sechzehntel-Passagen in Achtel umgeändert habe. Von der großen Arie im 2ten Akt war kaum die Hälfte geblieben. Im Duett mit Azor war sie so wenig sicher daß sie bey den Wechselstellen seine Stimme beyde male mitsang. Vom ersten Finale war das Duett Sprich lieber Aly ganz weggestrichen, so auch die Hälfte des Terzetts der 3 Schwestern und die Wiederholung im Finale. Der Entreact mit den Accorden auf dem Theater wurde von Weigl so langsam genommen, daß er wie ein Übungsstück für angehende Violinspieler klang. Das Quintett im ersten Finale ohne Orchesterbegleitung was hier (recht rein intonirt und mit allen vorgeschriebenen Nuancen gesungen) von außerordentlicher Wirkung war, ist dort gar nicht zum Anhören gewesen und Grund schrieb mir damals: hätte er die Oper in Wien zum erstenmal gehört, sie würde ihn im höchsten Grade zum Ekel geworden seyn. – Daß übrigens meine Musik in Städten wo die Rossinische Musik noch über alles gilt, auch bey guter Aufführung kein [noch nicht entziffert]ietes Glück gemacht haben würde, weiß ich wohl denn es fehlen ihr die trivialen Melodien und die unsinnigen Spektakel; auch ärgert mich der Tadel von Rezensenten, die Machwerke wie die Donna del Lago für Meisterwerke erklären, im mindesten nicht und ich müsste erröthen wenn sie meine Musik gut fänden. –
Sie wünschen mein Urtheil über den Freyschütz zu wissen; ich trage aber Bedenken das was ich davon auszusetzen habe, hier nieder zu schreiben, weil es nach dem vorigen aussehen könnte, als gönne ich ihm das große Glück, was er allenthalben macht, nicht recht. Ich lege Ihnen stattdessen einen Brief von Hauptmann aus Dresden bey, in dem Sie in wenig Worten viel treffendes darüber finden werden.2 – Ich freue mich sehr, daß Sie diesen trefflichen Künstler und herrlichen Menschen hier werden kennen lernen. Er ist engagirt und wird binnen kurzem hieher kommen. – Leben Sie wohl geliebter Freund und grüßen Sie von uns allen die lieben Ihrigen auf das herzlichste. Mit unveränderlicher Liebe stets der Ihrige Louis Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen verschollenen Brief von Speyer an Spohr. Speyer beantwortete diesen Brief am 13.04.1822.

[1] Vgl. „Cassel. Den 30. März”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 24 (1822), Sp. 255f.

[2] Vgl. Moritz Hauptmann an Spohr, 07.02.1822.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.02.2016).

Cassel, 29. März 1822.

... Recht sehr freue ich mich darauf, Ihre Quartette zu spielen. Sobald wir unsere neue Wohnung bezogen haben, werde ich ein stehendes Quartett bei mir etablieren und sie dann zu hören bekommen. Auch auf ihre Lieder freue ich mich sehr; schicken Sie sie mir doch, oder besser, bringen Sie sie selbst. Es wird Ihnen gewiß hier gefallen! ...
Das Wichtigste für mich, was ich Ihnen zu melden habe, ist, daß am vorigen Sonntag meine Oper ,Zemire und Azor’ zum erstenmal recht vorzüglich gegeben und vom Publikum mit großem Enthusiasmus aufgenommen wurde. Nach der Vorstellung wurde ich gerufen, eine Auszeichnung, die, solange Cassel steht, noch keinem Komponisten widerfahren ist. Der Beifall, mit dem jedes Musikstück aufgenommen wurde und der sich nahc dem Ende zu immer mehr steigerte, hat mich einigermaßen über die ungünstige Aufnahme, welche die Oper in Wien und München gefunden hat, getröstet. Noch mehr hat mich der Umstand gefreut, daß die Oper mir selbst gefiel, der ich sie nun seit ein paar Jahren gar nicht gehört hatte und gegen ältere meiner Sachen ein gar strenger Richter bin. Ich habe mich nun aber überzeugt, daß diese Komposition, wie andere meiner Sachen, nur recht genau und im Geiste des Werks gegeben werden muß, um auch dem Nichtkenner zu gefallen, daß sie aber bei nachlässiger Aufführung leicht so verhunzt werden kann, daß auch der Kenner an ihr irre wird ...