Autograf: Stanford University Music Library (US-STum), Sign. MLM 979E

Cassel den 8ten März
22.

Geehrter Herr,

Bey den überhäuften Geschäften, mit denen ich jetzt überladen bin, werden Sie es entschuldigen wenn ich Ihnen auf Ihre Anfrage nur einige Andeutungen gebe. Als Geiger werden aus einem Aufenthalt in Paris größeren Nutzen ziehen können als wenn Sie nach Wien gehen; doch ist letzterer Ort vorzuziehen wenn Sie sich als Komponist auszubilden gedenken, obgleich leider in Wien jetzt auch ein höchst trivialer Geschmack Überhand genommen hat und man wenig gutes mehr dort zu hören bekommen wird. Am nüzlichsten würde es Ihnen aber seyn, wenn Sie Ihre ersten Versuche1 in der dramatischen Komposition unter Aufsicht eines ausgezeichneten praktischen Komponisten machen können, da die Erfahrung eines geübten Künstlers dazu gehört um junge Leute vor Verirrungen und Versündigungen gegen den guten Geschmack zu bewahren. - Liegt Ihnen das Komponiren näher am Herzen wie das Geigen so bleiben Sie in Deutschland; im entgegengesetzten Falle gehen Sie nach Paris.
Recht sehr werde ich mich freuen in der Folge ausgezeichnetes von Ihrem Talente zu hören.
Mit herzlicher Theilnahme

der Ihrige
Louis Spohr.

NS. Sollten Sie nach Wien gehen, so adressiren Sie sich hauptsächlich an Seifried. Dieß ist jetzt der beste Komponist von Wien.

Erwähnte Personen: Seyfried, Ignaz von
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Paris
Wien
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822030814

http://bit.ly/2r45M5G

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Schlösser an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schlösser an Spohr, 28.04.1823.

[1] Hier gestrichen: „unter“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.05.2017).