Autograf: bis mindestens 1943 im Besitz von Werner Wittich, danach Kriegsverlust (vgl. Druck, S. 14)
Druck: Louis Spohr, Briefwechsel mit seiner Frau Dorette, hrsg. v. Folker Göthel, Kassel und Basel 1957, S. 46-49

Kassel, den 12ten Februar 22

Meine herzlich geliebte Dorette,

Dein Brief vom 6ten, den ich gestern erhielt, hat mir viel Kummer gemacht. Ich welcher unglückseligen Laune hast Du ihn geschrieben! Wenn Du wüßtest, wie mein ganzes Herz nur an Dir hängt, wie nur Du mein ganzes Glück ausmachst, wie ich ohnmöglich Dir mit Heiterkeit entgegentreten könnte, wenn ich Dir auch nur in Gedanken untreu geworden wäre, Du würdest Dich schämen, mich abermals durch Mißtrauen gekränkt zu haben! Doch will ich hoffen, daß nur mein augenblickliches Vergessen unsers Festtages Deine üble Laune erregt und mir ihren Erguß zugezogen habe, und so will ich sie als Strafe geduldig ertragen. Doch verdiene ich wohl Entschuldigung. Erstlich weißt Du, wie wenig Gedächtnis ich für dergleichen Tage habe, (was mich nicht hindert, daß ich diesen, der mein gutes, herrliches Weib gab, ewig als den glücklichsten meines Lebens segnen werde) zweitens fiel mir diesmal 2 Tage vor meinem ersten öffentlichen Auftreten, zu dessen Vorbereitung ich meine ganze Kraft und mein ganzes Sinnen anstrengte, um so mehr, da ich große Erwartungen zu befriedigen hatte, indem 8 Tage vorher Wiele auf demselben Platz gespielt hatte. Drittens habe ich überhaupt jetzt den Kopf von so vielerlei voll, daß ich wohl zu entschuldigen bin, wenn ich eins über dem andern vergesse.
Dein Brief hat übrigens einen schon einige Male früher gehegten Gedanken zur Reife gebracht, nämlich den, daß es töricht ist, daß wir uns ohne höchste Not trennen und daß Ihr noch früher zu mir kommen sollt. Das Leben ist so kurz, es ist daher sündlich, Monate davon wegzugeben. Der Hauptgrund, warum ich Euch in Dresden zurückließ (Du kennst ihn) hat aufgehört einer zu sein. Wegen Emilien1 brauchst Du Dich auch nicht zu ängstigen; ich verspreche Dir, daß ich sie täglich unterrichten will; es wird mir selbst große Freude machen; und wenn auch Ihr Organ noch nicht hinlänglich ausgebildet sein sollte, ich verstehe nun besser wie früher, worauf es dabei ankommt. - Rüst Dich daher zur Abreise und komme je eher je lieber. Ich kann im Hause, wo ich wohne, außer den 2 Zimmern, die ich jetzt schon habe, noch eine Stube bekommen und zusammen 4 Betten, mit denen wir uns im Anhange, bis die unsrigen fertig sein werden, schon behelfen können, so könnte Dich Hauptmann begleiten. Ich hoffe, das Engagement von ihm und Ferdinand noch früh genug zustande zu bringen, um Dir vor Deiner Abreise das Definitive melden zu können. Auf jeden Fall mußt Du spätestens in der ersten Hälfte des März reisen. Dann triffst Du hier noch vor der Messe ein und kannst mit Mine2 und den Kindern alle Einkäufe, sowie die Einrichtung unserer neuen Wohnung selbst besorgen. - Aus welcher meiner Äußerungen hast Du um Himmels willen nur geschlossen, daß ich ins Künftige ein Haus zu machen gedächte! Wenn ich Euch bat, Euch mit Kleidern zu versehen, so war's um die nötigen Visiten machen und im Theater und allenfalls an der Table d'hôte erscheinen zu können. Wenn wir je einmal Leute sehen werden, so soll's sein, um ihnen Musik zu machen.
Vor 8 Tagen habe ich mein Reskript ausgefertigt erhalten und 22 Rth. dafür bezahlen müssen. Es ist vom 1. Januar datiert und ich habe daher Ostern 500 Rth. zu erheben. Wieviel man mir Reisegeld geben wird, ist noch nicht entschieden; ich vermute 100 Rth. Das Einzige, worin ich mich getäuscht habe, ist das, daß ich mein Gehalt nicht zeitlebens, sondern nur so lange ich Dienste leisten kann, haben werde und dann wie alle hessischen Staatsdiener auf Pension gesetzt werden werde. Bei einigermaßen langen Diensten wird aber gern die Hälfte bewilligt. In allem übrigen bin ich vollkommen zufrieden und verspreche mir mit Euch ein höchst glückliches Leben hier.
Hauptmann hat mir viel erfreuliches von Emilien geschrieben.3 Danke ihm für seinen Brief und sag ihm, ich würde antworten, sobald alles in Richtigkeit wäre. Den Gebrüdern Haase möge er sagen, daß ich noch nicht wisse, ob für die Kapelle noch ein paar Hornisten engagiert werden würden. Wie steht es mit dem Piano? Wie Du Dich darüber entscheidest, bin ich es zufrieden. Willst Du das neue kaufen oder auch unser jetziges hieher schicken, mir ist alles recht. Oder solltest Du es ohne großen Schaden los werden können, noch besser!
Vor 4 Tagen erhielt ich einen sehr artigen Danksagungsbrief4 von der Herzogin von Gotha, begleitet von einer sehr schönen Tuchnadel. Sie hat einen Stein wie mein Ring und dieser ist mit einem Kranz von kleinen Diamanten sehr schön à jour eingefaßt. Ich habe ihr bereits gedankt.5
Den Auftrag wegen der Glocke habe ich richtig besorgt. Ich werde noch heute an Peters schreiben6 und anfragen, warum man die Stimmen und Partitur nicht nach Dresden geschickt habe. Peters möchte den Potpourri, den er schon gekauft hat, nun haben; schicke ihm daher doch mit erster Post. Schreibe darauf, 56tes Werk.
Lebe wohl, Du herzlich geliebtes Weib, und schreib mir gleich nach Empfang dieses Briefes, wie bald ich Euch erwarten darf. Welche ein Wiedersehen soll das sein! Den Kindern die herzlichsten Grüße.

Dein Louis.

Erwähnte Personen: Caroline Amalie Sachsen-Gotha-Altenburg, Herzogin
Haase, August
Haase, Ludwig
Peters, Carl Friedrich
Scheidler, Wilhelmine
Spohr, Ferdinand
Zahn, Emilie
Erwähnte Kompositionen: Romberg, Andreas : Das Lied von der Glocke
Spohr, Louis : Potpourris, Vl Kl, op. 56
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822021200

http://bit.ly/2jaulhc

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Dorette Spohr an Louis Spohr, 06.02.1822. Der Postweg dieses Briefs überschnitt sich mit Dorette Spohr an Louis Spohr, 10.02.1822. Der Postweg von Dorette Spohrs Antwortbrief vom 16.02.1822 überschnitt sich mit Louis Spohr an Dorette Spohr, 14.02.1822.

[1] Emilie Spohr, später verheiratete Zahn.

[2] Dorette Spohrs Schwester Wilhelmine Scheidler.

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[4] Caroline Amalie von Sachsen-Gotha an Spohr, 04.02.1822.

[5] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[6] Vgl. Spohr an Carl Friedrich Peters, gleicher Tag.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.01.2017).