Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 3f.
Online-Edition: Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe, Digitale Edition (teilweise)

Dresden 6. Febr. 1822.

Lieber Herr Kapellmeister,

Indem einer meiner sehnlichsten Wünsche erfüllt würde, nämlich: eine längere Zeit in Ihrer Nähe zu sein, um unter Ihrer Leitung und Schutz meine Kräfte zu versuchen und zu üben, scheint mir die Stelle, von der Sie im letzten Briefe1 an Ihre liebe Frau sprachen, sehr annehmlich. Auch meine ich, wenn in Cassel nicht alles enorm theuer ist, es müsse von den 400 Thlr. mit einem Zuschusse von ungefähr 150 den ich von hier habe, auf eine bescheidene Art zu leben sein. Hier wenigstens habe ich die letzten 2 Jahre nicht mehr gehabt und gebraucht. Die Stelle in der hiesigen Kapelle, die mir nach meiner Rückkunft wieder angeboten wurde, habe ich ausgeschlagen, weil ich das Einschläfernde des hiesigen Kapellendienstes aus Erfahrung kannte, der, besonders jetzt, fast unablässig beschäftigt und doch im Ganzen wenig interessantes bietet; bei einem jungen aufblühenden Theater unter Ihrer Leitung ist mir eine solche Stelle für jetzt sehr erwünscht. Ich bin hier ganz unabhängig und kann daher auf eine bestimmte Ordre von Ihnen, ob und wann ich eintreffen soll, sehr bald abreisen.
Der Freischütz ist bis jetzt dreimal gegeben und nur wegen Krankheit Meier's ausgesetzt. Das Theater war immer gedrängt voll und der Beifall sehr groß, das erstemal am größten, Weber wurde gerufen. Das Haus wird gewiß noch bei mancher Vorstellung voll werden, denn es giebt viel zu sehen. Zu hören gewiß auch viel Schönes und manches sehr Schöne. Daß dieses oft so mangelhaft in der Form und so brockenweis geboten wird, fällt dem Kunstverständigen wohl sehr bald auf, wird aber vom großen Publicum noch gar nicht gefühlt. In Bezug auf dieses sagt der Schauspieldirector im Faust:

Gebt ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken.2

In Wien hat gleich auf den Freischützen Rossini's Armida den größten Furore gemacht und wird von dort aus als eine durchaus classische Oper gerühmt.3 Unter solchen Umständen scheint mir der Beifall eines großen Publicums noch nicht viel sagen zu wollen.
In Erwartung Ihrer gütigen Antwort mit unveränderlicher Liebe
Ihr H.

Erwähnte Personen: Mayer, Friedrich
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen: Rossini, Gioachino : Armida
Weber, Carl Maria von : Der Freischütz
Erwähnte Orte: Dresden
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Dresden>
Theater an der Wien <Wien>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822020733

http://bit.ly/2MAifx8

Spohr



Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 02.03.1822.
Spohr erwähnt in einem Brief an seine Frau Dorette, 12.02.1822: „Hauptmann hat mir viel Erfreuliches von Emilien geschrieben.“ Vermutlich handelt es sich bei dem erwähnten Bericht über Emilie Spohr um eine vom Herausgeber weggelassene Passage aus diesem Brief. Ansonsten müsste hier ein weiterer Brief Hauptmanns erschlossen werden, der dann zwischen dem 07. und 10.02. zu datieren wäre.

[1] Louis Spohr an Dorette Spohr, 31.01.1822.

[2] Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Eine Tragödie, Tübingen 1808, S. 12.

[3] Vgl. „Wien. Uebersicht des Monats December“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 24 (1822), Sp. 58-66, hier Sp. 60-63.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.08.2018).