Autograf: bis mindestens 1943 im Besitz von Werner Wittich, danach Kriegsverlust (vgl. Druck, S. 14)
Druck: Louis Spohr, Briefwechsel mit seiner Frau Dorette, hrsg. v. Folker Göthel, Kassel und Basel 1957, S. 42ff.

Kassel, den 7ten Februar 22

Geliebte Herzens-Seele,

Indem ich den Datum schreibe, fällt mir ein, daß es erst morgen ein Monat ist, seit ich von Dresden abreisete. Nie hat sich eine Zeit bei mir so in die Länge gedehnt wie diese. Wie werde ich die 6-7 Wochen bis zu Eurer Ankunft noch aushalten? Von Dir getrennt, mein gutes Weib, fühle ich erst, wie unentbehrlich Du mir bist und wie ich so gar nichts fröhlich ohne Dich genießen kann. Dein nur zu kurzes Briefchen mit der umgetauften und beschnittenen Witwe1 habe ich erhalten, aber trotz Deiner Vorsicht noch 18 Gr. Porto zahlen müssen. - Die Dichtung gefällt mir im ganzen sehr gut. Einige Musikstücke werden aber noch geändert werden müssen. Aus dem Szenarium des 2. und 3. Aktes, welches er2 mit im Briefe beigelegt hat3, sehe ich zu meiner Freude, daß er sich vom Gang des früheren Stückes ganz und gar entfernt und daß man daher diese Oper eine ganz neue mit Recht wird nennen können. Es kommen aber auch für Musik noch herrliche Momente in den folgenden Akten vor. Besonders gefällt es mir, daß er so viel Lokales eingemischt hat.
Ich habe jetzt sehr viel zu tun. Jeden Tag eine Probe und außerdem eine weitläufige Korrespondenz. Es sind schon an die 40 Briefe von Leuten, die engagiert sein wollen, eingelaufen. Der Kurfürst hat sich schon bereits erklärt, noch 7 ausgezeichnete Künstler für die Kapelle zu engagieren4, und ich stehe schon mit einigen in Unterhandlung. Mit meinem Wirkungskreise, sowie allen Verhältnissen, die ich nun genau kenne, bin ich höchst zufrieden. Von Ostern an hoffe ich dann auch Muße zur Komposition der neuen Oper zu finden. Bis jetzt habe ich noch nicht einmal Zeit gefunden, das 3. Quartett fertig zu machen. Bloß die Menuett ist im Entwurf fertig.
Vorgestern spielte ich im Theater. Die Geige klang göttlich und ich hatte nach jedem Solo einen geklatschten und gebrüllten Beifall. Mit dieser Geige ist es mir jetzt wirklich ein Spaß öffentlich zu spielen. - Ich bin wieder in mehrere, mitunter sehr vornehme, aber auch sehr langweilige Gesellschaften gebeten worden. Bei der Gräfin Hessenstein5 waren vielleicht 200 Menschen.
An Ferdinand schreibe ich heute auch6 und frage bei ihm an, ob er, im Fall ich ihm hier Engagement verschaffe, Ostern, wenn er dich herbegleitet hat, gleich hier bleiben kann, - von Grund habe ich einen Brief; er ist auf seinem Platze sehr zufrieden.7
Einliegenden Brief von André8 gib an Hauptmann, weil vieles ihn angeht. Ich lasse ihn bitten, bitten, doch ja seine Quartetten fertig zu machen.
Du schreibst mir so wenig von den Kindern! Denkt denn mein Schnoddel9 noch an mich? Wenn ich des Morgens erwache, so sehne ich mich so nach Euch.
Ich küsse Dich 1000 mal in Gedanken

Dein Louis
oder Ludewig, wie der Frankfurter will.10

NB. Vergiß nicht, den Brief an Gehe11 zuzumachen. - Heute sehe ich wieder einem Brief von Dir entgegen.

Erwähnte Personen: André, Johann Anton
Gehe, Eduard
Grund, Eduard
Hauptmann, Moritz
Schlotheim, Karoline von
Spohr, Therese
Wilhelm II. Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Quartette, V 1 2 Va Vc, op. 58
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822020700

http://bit.ly/2iv0pZS

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Dorette Spohr an Louis Spohr. Der Postweg dieses Briefs überschnitt sich mit dem Postweg von Dorette Spohr an Louis Spohr, 06.02.1822. Dorette Spohr beantwortete diesen Brief und Spohrs vorigem Brief vom 02.02.1822 am 10.02.1822.

[1] Eduard Gehe hatte aus Antoine-Marin Lemierres Schauspiel La veuve du Malabar das Libretto zu Jessonda bearbeitet.

[2] Eduard Gehe.

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[4] Vgl. Louis Spohr an Dorette Spohr, 31.01.1822.

[5] Karoline von Schlotheim, Mätresse des vorigen hessischen Kurfürsten Wilhelm I, 1811 zur Gräfin von Hessenstein ernannt.

[6] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[7] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[8] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[9] Kosename für Therese Spohr.

[10] „Frankfurt am Mayn”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 24 (1822), Sp. 23-27, hier Sp. 26 gibt eine positive Besprechung des Faust, kritisiert jedoch, dass der „in allem so ächt deutsche Künstler” Spohr seinen Vornamen Ludwig immer französisch Louis schreibe (vgl. dazu Göthel in: Briefwechsel, S. 94, Anm. 64).

[11] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.12.2016).