Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

An
den Churfürstlich Heßischen Hof-
kapellmeister und Opern-Director
Herrn L. Spohr
Wohlgeboren
in
Cassel.

frei.


Wohlgebohrener Herr!
Hochverehrter Herr Kapellmeister!

Mit wahrem Interesse für Ew. Wohlgebohren als deutschen seltenen Künstler und – erlauben Sie mir zu sagen, als theilnehmenden Freund – bin ich Ihnen mit Besorgniß über das Meer nach England1 und demnächst nach Paris2 im Geist gefolgt und habe mich über die Triumphe Ihrer echten, soliden Virtuosität und gehaltvollen, tiefen Tondichtungen wahrhaft gefreut. Um so mehr aber erfüllt mich Ihre Anstellung als Opern Director in Cassel mit schönen Hoffnung für die Gründung beßeren Geschmacks in der Tonkunst.
Erlauben Sie mir daher, Ihnen aufrichtig, wie unserm lieben Vaterlande für Ihre Fixirung darinn von Herzen3 Glück zu wünschen. Sie und C.M. v. Weber sind die einzigen Componisten, die den ausartenden Zeitgeschmack – in Ueberbietung der Effect-Mittel einer und trivialer Flachheit andererseits – mit Erfolg die Spitze bieten können. Was sonst noch hie und da mit schwachen Kräften geschieht, ist wenigstens gut gemeint. Und so ermüde auch ich, meines Theils nicht, nach besten Kräften nach dem Wahren und Schönen in der Kunst unabläßig zu streben, mir freilich bewußt, daß strenge Schule und eminentes Genie mir mangellt – da Zeit und Kräfte getheilt sind.
Ich bin mit einem Singspiel ernster Gattung beschäftigt, u hoffe es, nächstes Jahr zu beenden, da ich es ernstlich damit meine. Etwas Kleineres wird nächstens fertig. Euer W. hatten die Güte, bei Ihrem Aufenthalt in Frankfurt mein „Fischermädchen“ der Annahme zu würdigen.4 Dürfte ich mir schmeicheln, daß Sie dies kleine Singspiel auch für die dortige Bühne annehmen wollten?
Die Alpenhütte von Kozebue habe ich auch componirt und sie wurde am F. 18175 hier mit Beifall gegeben. Dem Dietrich würde für die Florentine im Fischermädchen vielleicht passen! -
Mich Ihrer Frau Gemahlin ganz ergebenst empfehlend sehe ich Ihrer baldgefälligen Antwort entgegen ich bin im voraus mit allen Bedingungen einverstanden, da es mir mehr darum zu thun ist, bekannter zu werden, als zu laviren(???). Zu copiren kostet mich die Partitur selbst 10 – bis 12 Rth.(???)
Hochachtungsvoll

Euer. Wohlgeboren
aufrichtiger Verehrer
J.P. Schmidt.

Berlin den 1sten Febr. 1822
Mohrenstraße No. 26.

Erwähnte Personen: Dietrich, Louise
Weber, Carl Maria von
Erwähnte Kompositionen: Schmidt, Johann Philipp Samuel : Ein Abend in Madrid
Schmidt, Johann Philipp Samuel : Das Fischermädchen
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822020144

http://bit.ly/2KPZEs0

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schmidt, 17.08.1818. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmidt an Spohr, 09.03.1824.

[1] Vgl. Louis Spohr, „Musikalische Notizen gesammelt von Louis Spohr während seines Aufenthalts in London vom Ende Februar bis Ende July 1820“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 22 (1820), Sp. 521-530.

[2] Vgl. Louis Spohr, „Briefe aus Paris”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 23 (1821), Sp. 139-144, 156-162, 177-184 und 189-195.

[3] Hier gestrichen: „aufrichtig“

[4] Vgl. Vorbrief.

[5] Vgl. „B.O., Am 28. August. Zum Erstenmale: Die Alpenhütte, Singspiel in einem Aufzuge, von Herrn von Kotzebue. Musik von Herrn J.P. Schmidt“, in: Dramaturgisches Wochenblatt 3 (1816), S. 73.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (05.07.2018).