Autograf: bis mindestens 1943 im Besitz von Werner Wittch, danach Kriegsverlust (vgl. Druck, S. 14)
Druck: Louis Spohr, Briefwechsel mit seiner Frau Dorette, hrsg. v. Folker Göthel, Kassel und Basel 1957, S. 19f.

Madame
Spohr
am Seethor Nro 412 B.
Dresden


Leipzig, abends 6 Uhr

Herzlich geliebtes Weibchen,

Heute nachmittag 3 Uhr kamen wir hier an. Wäre die Überfahrt über die Mulde bei Wurzen des Eisganges wegen nicht so langsam vonstatten gegangen, so wären wir schon um Mittag hier gewesen, denn die Wege waren herrlich. – Gestern aßen wir in Meißen zu Mittag und kamen abends 7 Uhr in Luppe1 ins Nachtquartier. Sowie unser Stübchen warm war und wir unser frugales Abendessen, bestehend aus Bratwürsten und Pfeffergurken, im Leibe hatten, ging das Geigen-Probieren an, und weil es anfangs im Hause nicht ruhig genug war, um die Geigen draußen auf dem Gang hören zu können (denn es wohnte ein Rudel lustiger Studenten neben uns), so fingen wir um 10 Uhr von neuem an und geigten bis um 10 Uhr von neuem an und geigten noch bis nach 11 Uhr. Dann legten wir uns in unüberzogene Betten, die prachtvoll stanken; ich sagte in Gedanken: gute Nacht Schnoddel-Volk2, und schlief dann bald ein. – Heute vormittag, wie wir ans Wasser kamen, ließen wir uns früher wie der Kutscher übersetzen und machten zwei Stunden zu Fuß, bis wir dann wieder eingeholt wurden. – Übrigens habe ich mich beide Tage mit Grund angenehm unterhalten.
Morgen früh um 6 Uhr geht's weiter. Wir haben einen Kutscher bis Gotha für 18 Rth. akkordiert. Grund hat nämlich alle weiteren Reisepläne aufgegeben und geht von Gotha gleich nach Meiningen. Ich bin recht froh, seine Gesellschaft noch länger zu haben. – Übrigens fehlt es nicht an Veranlassung morgen noch hier zu bleiben; es wird morgen im Konzert die Hochzeitsszene aus Faust und die Ouverture aus Alruna gemacht. Ich bin aber doch froh, daß ich beides nicht zu hören brauche. – Aloys Schmitt ist hier und spielt heute abend bei Weiße. Er hat uns keine Ruhe gelassen, bis wir ihm versprochen haben mit hinzugehen. – Peters fragte gleich, ob ich ihm das Konzert3 nun geben wolle, und war unangenehm überrascht zu erfahren, André habe es. Er hat nun aber Beschlag gelegt auf die Quartetten, das h-moll-Konzert4, die Irrländer5 und alles was ich etwa noch wolle stechen lassen. Vom Preise ist aber noch nicht die Rede gewesen. – In einigen Tagen wird er Dir 200 Rth. schicken.
Der Freischütz hat auch hier gefallen und ist gestern zum 4. Mal gegeben worden. Nächsten Montag ist Schmitts Konzert. Er wird von hier wohl nach Dresden gehen und Dich dann besuchen.
Nun lebe wohl Herzensweibchen. Von Gotha schreibe ich wieder. In Kassel hoffe ich, einen Brief von Dir zu bekommen. – Grüße die Kinder und sage, sie sollen fleißig sein. – Hat denn der Schnoddel nicht nach seiner Lu gefragt? Leb wohl. Ich höre Peters kommen.

Ewig dein Louis.



Dieser Brief ist derzeit der früheste bekannte Brief von Louis Spohr an Dorette Spohr. Dorette Spohrs Antwortbrief vom 12.01.1822 ist derzeit verschollen. Dabei überschnitt sich der Postweg mit Louis Spohr an Dorette Spohr, 13.01.1822.

[1] Um 1819 neu eingerichtete Poststation in der Nähe von Oschatz (vgl. August Klingemann, Kunst und Natur. Blätter aus meinem Reisetagebuch, Bd. 2, Braunschweig 1821, S. 9).

[2] Schnoddel: aus den Folgebriefen wird deutlich, dass es sich hier um einen Kosenamen für Spohrs jüngste Tochter Therese handelt.

[3] Op. 58.

[4] Op. 61.

[5] Das Potpourri über irische Melodien op. 59.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.11.2016).