Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr, L. 5

Dresden den 10ten
Dec. 1821.

Geehrter Freund,

Aus einem Brief des Herrn von Mosel an Freund Weber ersehe ich, daß in dem Augenblick Zemire und Azor bey Ihnen einstudirt wird.1 Da ich als gewiß voraussetze, daß Sie auch bey der neuen Direction Regisseur der deutschen Oper sind, so bin ich so frey, Sie rücksichtlich dieser Oper mit einigen Bitten und Bemerkungen zu belästigen.
Von der Vertheilung der Rollen rede ich nicht, da sie schon geschehen ist. Zu wünschen ist aber, daß die Parthien der beyden Schwestern, so wie die des Ali guten Sängern zugefallen seyn mögen, da sie in den Ensemblestücken sehr bedeutend sind und der Efekt dieser, von einer sichern und festen Intonation hauptsächlich abhängt. Die 3te Schwester muß überdieß eine kräftige Tiefe haben.
Hinsichtlich des Kostüms bitte ich, ja den Azor nicht bis zum wiederlichen zu entstellen und ihn hauptsächlich durch keine Maske singen zu lassen, wie das wohl an einigen Orten geschehen ist. Seine Gestalt ist abschreckend genug, wenn das Gesicht bemalt und behaart ist und er mit Thierfellen bekleidet und bey ersten Auftritt mit einer Keule bewafnet ist.
An den Maschinisten ergeht die Bitte, die Donner in der Introduktion genau an der in der Partitur bezeichneten Stelle und in der vorgeschriebenen Stärke erfolgen zu lassen. Dieß gilt aber noch weit mehr von den 3 Donnerschlägen in der Nro 4, die, wenn sie nicht zur rechten Zeit eintreffen alles verderben können. – Der unsichtbare Geisterchor bey diesen Nummern muß ja recht stark besezt seyn, weil man ihn sonst nicht hört. In Frankfurt ließ ich alle Solosänger mitsingen was sie umso leichter thun2 können, da sie nicht zu memoriren und sich nicht zu kleiden brauchen. – Das Ensemble des Chors mit dem Orchester ist in diesen Nummern sehr schwer, so wie auch das genaue Zusammentreffen des Orchesters und der Blasinstrumente auf dem Theater beym Entre-Akt und der Spiegelscene und bedarf daher recht genauer Proben im Theater selbst. – Die erste Scene des 2ten Akts, so wie auch die Schlußscene können vom Balletpersonale reich ausgestattet werden, doch bitte ich sehr ja kein fremdes Balletstück einzulegen. – Schlüßlich empfehle ich mein Werk Ihrer und des Kapellmeisters Fürsorge und Wohlwollen auf das angelegentlichste und bitte Sie insbesondere mir bald etwas näheres über die Besetzung so wie über den Erfolg der Oper zu melden; ferner, ob die Direktion die Partitur von Herrn Mechetti erhalten und sie ihm das Honorar dafür ausgezahlt habe.
Seit einem Monath habe ich mich mit meiner Familie hier in Dresden häuslich niedergelassen, um meine beyden Töchter3 im Gesange unterrichten zu lassen. Die älteste4 14½ Jahr alt verspricht viel und ich hoffe in einigen Jahren der Musik. Welt einmal wieder eine Sängerin, nach der guten alten Schule ausgebildet, vorführen zu können. Sie hat jezt schon eine große Stimme und viel natürliche Geläufigkeit.
Den Wiener Künstlern meiner Bekanntschaft bitte ich die herzlichsten Grüße zu sagen. Vieleicht komme ich bald selbst einmal nach Wien.
Mit vorzüglicher Hochachtung und
Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr.
am Seethor Nro 4125

Erwähnte Personen: Mechetti, Pietro
Mosel, Ignaz Franz von
Weber, Carl Maria von
Wolff, Ida
Zahn, Emilie
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Zemire und Azor
Erwähnte Orte: Dresden
Frankfurt am Main
Wien
Erwähnte Institutionen: Hoftheater am Kärntnertor <Wien>
Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1821121015

http://bit.ly/2uZaIuE

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Treitschke, 24.06.1819.

[1] Der Brief Ignaz Franz Edler von Mosel an Carl Maria von Weber, 08.09.1821 scheint derzeit verschollen zu sein (vgl. Weber an Mosel, 13.09.1821, in: Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe).

[2] „thun” über gestrichenem „geschehen” eingefügt.

[3] Emilie, später verh. Zahn, und Ida, später verh. Wolff.

[4] Emilie.

[5] Unterhalb der Unterschrift auf dem Kompf der Empfangsvermerk des Empfängers: „Dresden 10 Dbr 1821 / L. Spohr. / empf 16. / b”.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (07.07.2017).