Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,29
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 62f. (teilweise)

Gandersheim den 26sten August 1821.

Geliebter Freund,

Ihren letzten Brief vom 28sten d. v. M. beantworte ich erst jetzt, weil durch drey kleine Expeditionen und den Besuch von Freunden aus Hamburg meine ganze Zeit in Anspruch genommen war. Zuerst waren wir in Alexisbad, wo ich am 27sten Juli ein sehr besuchtes Concert gab. Dort trafen wir die Hamburger, Wilhelm Grund mit seiner Mutter und zwei seiner Nichten aus Bremen und den jungen Schwenke. In eine Gesellschaft vereinigt machten wir von dort eine Tour über den Harz die vom schönsten Wetter begünstigt und durch die heitere Laune der Gesellschaft gewürzt wurde. Nach der Ruhe von ein paar Tagen hier in Gandersheim, während welcher wir fleißig Quartetten machten, brachen wir zusammen nach Pyrmont auf, wo ich ebenfalls mit meiner Frau am 6ten dieses ein Concert gab. Obgleich es schon etwas spät in der Concert-Zeit war, so wurde das Concert doch ziemlich besucht und rentirte bey dem hohen Eintrittspreise von 1 Rth. 8 sgr. noch ganz gut. Dort trennten wir uns für einige Tage von unserer Gesellschaft, die von da nach Cassel ging. Nach ihrer Zurückkunft erlebten wir noch 3 Tage zusammen bey einem alten Bekannten von mir, dem Oberamtmann Lüders zu Catlenburg; (den ich Ihnen einmal vor ein paar Jahren bey einer Abend-Musik zuführte.) Hier trafen wir Hermstedt und da unser Wirth ein leidenschaftlicher Musikfreund ist, so wurde fast vom Morgen bis zum Abend Musik gemacht. Hermstedt blies das neue Concert von mir dreimal und überzeugte mich, daß er, als Folge einer Critik seines Vortrags die ich ihm im Frühjahr bey unserem Zusammentreffen in Gotha machte, nun wieder zu besserem Geschmack zurückgekehrt ist und namentlich dieses neue Concert, welches obgleich brillanter wie die früheren, doch für ihn nichts halsbrechendes enthält in so hoher Vollkommenheit blasen wird, daß er damit auf der nächsten Winterreise neuerdings großes Aufsehen erregen muß.
Die für mich interessanteste Neuigkeit die ich Ihnen mitzutheilen habe, ist die, daß ich eine Stradivari Geige aquirirt habe. Schon seit Jahren speculirte ich auf diese Violine, die Madame Schlik1 in Gotha seit ihrem 15ten Jahre besaß und spielte und die so gut conservirt ist, wie vielleicht keine andere Sie hat auch nicht den mindesten Riß. Schon im Frühjahr versuchte ich, sie ihr abzuschwatzen; allein obgleich sie gar nicht mehr spielte, konnte sie sich doch nicht von dieser Gefährtin ihres ganzen erwachsenen Lebens noch nicht trennen. Ich gab aber meinen Vertrauten in Gotha Auftrag, von Zeit zu Zeit wieder anzufragen, und so hat sie am Ende doch dem Glanze des Geldes nicht wiederstehen können. Doch habe ich sie zu dem sehr geringen Preise von 24 Louisd’or. – Anfangs war ich noch zweifelhaft, welche von meinen Geigen nun die beste seyn würde; doch jetzt, da die neu aquirirte neu in Stand gebracht und einige Tage gespielt worden ist, hat sie schon entscheidende Vorzüge und wird daher die Favoritin werden und bleiben. Diese alten Stradivari haben doch etwas ganz eigentümlich edles im Ton, was noch kein Neuerer ganz zu erreichen gewust hat.
Der Plan für die nächsten Jahre steht nun fest. – In 3 Wochen lasse ich meine Kinder confirmiren, dann gehe ich mit der ganzen Familie über Magdeburg, Halle, Leipzig nach Dresden und fixire mich dort für 1 oder 1½ Jahr. Entsprechen die Fortschritte der Mädchen im Gesange meinen Erwartungen, so habe ich nicht übel Lust dann eine 2te Reise nach Italien zu machen. – Von Dresden aus werde ich wohl, des Gewinnes wegen, einige Excursionen allein machen müssen, was mir freylich sonderbar vorkommen wird, da ich seit unserer Verheirathung noch nie auf längere Zeit von meiner Frau getrennt war. – Wir schmeicheln uns mit der Hoffnung Sie nächsten Sommer einmal in Dresden zu sehn, was ja jetzt, wo Sie Herr Ihrer Zeit sind, wohl nicht so unmöglich ist. –
Mit dem größten Interesse lesen wir Ihre Berichte in der M.Z.2 Sie haben eine ächte Ader von Witz, um die ich Sie beneide. Auch werden Ihre Urtheile nicht ohne Einfluß für den besseren Geschmack bleiben. – Mit Rossini scheint es nun beinahe zu Ende zu gehen. Der Ekel an seiner Fadheit nimmt immer mehr überhand. Auch erheben sich in öffentlichen Blättern immer mehr Stimmen gegen ihn. – Leben Sie wohl und erfreuen Sie mich vor meiner Abreise noch mit einem Briefe. Herzliche Grüße Ihr L. Sp.



Dieser Brief beantwortet Speyer an Spohr, 28.07.1821. Spohr schickte diesem Brief bereits am 29.08.1821 den nächsten Brief hinterher.

[1] Regina geb. Strinasacchi.

[2] Seit Spohr letztem Brief erschien [Wilhelm Speyer], „Die Frau Catalani in Frankfurt am Main”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 23 (1821), Sp. 470-475. 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.02.2016).

Gandersheim, 26. August 1821.

... Der Plan für die nächsten Jahre steht nun fest. In drei Wochen lasse ich meine Kinder konfirmieren, dann gehe ich mit der ganzen Familie nach Dresden und fixiere mich dort für 1 oder 1 1/2 Jahr. Danach hätte ich nicht übel Lust, eine zweite Reise nach Italien zu unternehmen.
Mit dem größten Interesse lesen wir Ihre Berichte in der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung. Sie haben eine echte Ader von Witz, um die ich Sie beneide. Auch werden Ihre Urteile nicht ohne Einfluß für den besseren Geschmack bleiben. Mit Rossini scheint es nun beinahe zu Ende zu gehen. Der Ekel an seiner Fadheit nimmt immer mehr überhand. Auch erheben sich in öffentlichen Blättern immer mehr Stimmen gegen ihn. –
Herzlichste Grüße von Ihrem

Louis Spohr.