Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,27
Druck: Horst Heussner, Die Symphonien Ludwig Spohrs, Phil. Diss. Marburg 1956, Anh. S. 17 (teilweise)

Herrn
Herrn Wilhelm Speyer
adresse Herren Pensa & Speyer
Frankfurt a/m


Gandersheim, den 8ten
May 1821.

Geliebter Freund,

Ihren lieben Brief vom 1sten dieses habe ich vorgestern richtig erhalten. Wir haben Ihre Besorgnisse um Carl und Ihre Frau nachempfunden und theilen nun Ihre Freude über die Herstellung beyder. Wir haben um so lebhafter Antheil genommen, da wir in einer ähnlichen Lage waren. Acht Tage vor unserer Ankunft war Therese so gefährlich krank, daß mein Vater im Begriff war, uns einen Bothen zu senden, der uns zur Beschleunigung der Hieherreise auffordern sollte, weil er befürchtete, wir mögten das Kind sonst nicht mehr lebend antreffen. Glücklicherweise unterließ er es auf den Rath eines andern zu Hülfe gerufenen Arztes. Sonst wären wir damals aus Angst und Besorgniß gewiß auch krank geworden. Bey unserer Ankunft fanden wir das Kind zwar außer Gefahr, aber außerordentlich blaß und mager; nun fängt sie an sich nach und nach zu erholen.
Wir genießen das über alle Begriffe herrliche Frühjahr in vollen Zügen und bringen den größten Theil des Tages im Freien zu. Gandersheim hat eine herrliche Lage und die Umgegend ist dieses Jahr von unzähligen Nachtigallen besucht. Unser Abendbrot nehmen wir gewöhnlich im Garten oder im Holze ein und lassen uns dazu Tafelmusik machen die uns weniger kostet als dem König v. Sachsen am Neujahrstage. Uber alle diese Festivitäten versäume ich aber meine Arbeiten nicht. Bereits habe ich eine 5stimmige Messe ohne Orchester, die ich für die jetzt so häufigen Singvereine schreibe, halb fertig; auch das erste Allegro meines neuen Clarinettenconcerts für Hermstedt ist beynahe beendigt.
Ich habe nun jemand in Braunschweig beauftragt ein sicheres Unterkommen für das Geld zu suchen. Bis dieser etwas gefunden hat, bitte ich Sie, es nur noch aufzubewahren. Für die Eintreibung der 60 francs danke ich Ihnen sehr; ich hatte sie fast schon verlohren gegeben.
Ob sich im Lauf dieses Sommers ein Engagement für mich finden wird, muß die Zeit lehren. Ich mögte mich am liebsten wieder in Wien fixiren wozu mich auch der Graf Dietrichstein, den ich zufällig in Würzburg traf, dringend aufgefordert hat. Daß dieser Musikgraf und seit kurzem Direktor des Hoftheaters ist, wissen Sie aus öffentlichen Blättern. Ich kannte ihn schon in Wien speziell und zweifle nicht, daß er von großem Nutzen dort sein würde. Für die Ausbildung unserer ältern Mädchen ist es durchaus nothwendig daß wir uns auf einige Jahre in einer großen [Stadt] fixiren, sonst mögte ich meiner Neig[ung nach] lieber noch reisen.
Meine Frau und ich grüßen Sie und Ihre ganze Familie auf das Herzlichste. Auch Grund, der wieder fleißig arbeitet, trägt mir Grüße auf.
Leben Sie wohl und erfreuen Sie mich bald mit einem Brief. Von Herzen stets

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Dietrichstein, Moritz von
Grund, Eduard
Hermstedt, Johann Simon
Speyer, Carl
Speyer, Charlotte
Spohr, Carl Heinrich
Spohr, Therese
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Klar Orch, WoO 19
Spohr, Louis : Messen, op. 54
Erwähnte Orte: Braunschweig
Gandersheim
Wien
Würzburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1821050802

http://bit.ly/1X36Y3m

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den verschollenen Brief Speyer an Spohr, 01.05.1821. Speyers Antwortbrief ist ebenfalls verschollen.
Heussner datiert seinen Teilabdruck des Briefs falsch auf den 08.03.1821. Dieses falsche Datum übernimmt Göthel (in: Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 247, Anm. 2).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.02.2016).

Gandersheim, den 8. März 1820

... Ob sich im Laufe dieses Sommers ein Engagement für mich finden wird, muß die Zei lehren. Ich möchte mich am liebsten wieder in Wien fixieren, sozu mich auch der Graf Dietrichstein, den ich zufällig in Würzburg traf, dringend aufgefordert hat ...