Autograf: Beethoven-Haus Bonn (D-BNba), Sign. HCB Br 357
Druck 1: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 117f. (teilweise)
Druck 2: Ferdinand Ries, Briefe und Dokumente, hrsg. v. Cecil Hill (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn 27), Bonn 1982, S. 153f.

a
Monsieur
Monsieur Louis Spohr
a
Gandersheim
près de
Brunswick


London 111 Sept. 1820

Mein liebster Freund!

Ihren freundschaftlichen Brief von Gandersheim erhielt ich hier bey meiner Zurückkunft von der Seeküste, würde ihm auch früher beantwortet haben, wenn nicht durch die Krankheit meines Kindes meine Reise nach Hastings acht Tage verschoben worden wäre und meine Zurückkunft 14 Tage, wodurch ich meine Geschäften überhäuft fand. Nun vor allem andern eine frühe Nachricht für Sie und Ihre Frau, das weiß ich von Ihren freundschaftlichen Gesinnungen gegen uns, meine gute Frau2 ist heute morgen um 4 Uhr glüklich mit einem gesunden Mädchen3 entbunden worden, beyde sind so wohl, als man nur erwarten darf: und zwar so schnell und glüklich, daß die heftigen Schmerzen4 erst um 3 Uhr anfingen, mein Bruder5 lief gleich zu meinem Arzte6, allein ehe er im Hause war, war schon alles vorüber. Sie läßt Ihnen beyde herzlich grüßen, daß alles so glüklich vorüber gegangen ist, dafür muß ich um so mehr dankbar seyn, da ich7 vor 6 Wochen in Hastings mit meinem Cabriolet spatzieren fuhr, stürzte mein Pferd, ich schlug meinen Arm um meine Frau, um sie zu halten, unglücklicher Weise aber brachen beym Aufspringen des Pferdes beyde Bäume und wir fielen beyde über das Pferd. Glücklicherweise ist mein Pferd gewohnt, haufig meinen Worten zu folgen, womit ich mich manchmal im Kutschieren amusiere, und es blieb wie ein Bock stehen, obschon meine Frau die hintern Beine umklammert hatte, um sich in der Angst wenigstens irgendwo fest zuhalten. Wir mußten beynahe 5 Englische Meilen nach Hause gehen – alles gieng glüklich vorüber, und weder meine Frau noch ich waren im mindesten beschädigt. Meine Lage können Sie sich Sie sich leicht denken. Einige Tage vorher wäre ich bestimmt ohne den jungen Goldschmidt, der mich besuchen kam, ertrunken. Wir badeten uns in einer gewaltig stürmischen See, Er schwimmt sehr gut, ich erschrecklich schlecht. Ich war nicht behutsam genug, und einige heftige Wellen hatten mich ganz aus meiner Tiefe geworfen. Er war so nah, daß ich ihm zurufen konnte, und obschon ich mehr Salzwasser wie mir lieb war schluckte, so brachte er mich glücklich an's Land. Die Freude, Ihre liebe Familie ganz wohl zu finden, kann ich mir leicht denken, und ich8 mögte gerne wieder ein bisschen Deutsches Leben anstatt Englischer Guinean genießen. Ich hoffe nur, daß ich nicht so alt werde, ehe ich mein Ziel erreiche, daß ich es9 nicht mehr genießen kann. Wie wir für die Kunst hier lebt, wissen Sie nun selbst, man kann wirklich sagen, sie geht nach Brod. Concerten waren hier wie gewöhnlich – ich mußte in eines gehen, wo nur einundzwanzig verschiedene Stücke darin aufgeführt wurden. Das nennt man hier, sich mit der göttlichen Kunst amüsieren. Die schöne Institution geht ihren alten Gang fort, ich danke Gott, daß ich heraus bin. In der Philharmonic ist auch eine Revolution vorgegangen, es sind nur 7 Directoren anstatt 12 – kein einziger von der Institution10 ist erwählt worden, Neate und ich sind die einzigen von den alten, die wiederernennt wurden, und ich hatte mit Bishop die meisten Stimmen von allen: nehmlich 17 – mein Freund Ay.: 3 – das ist doch eine kleine Satisfaction.11 Genießen Sie Ihre drey Monathe im Zirkel Ihrer Familie mit ganzer Seele, ich weiß der gleichen Augenblicke zuschätzen, weil ich sie kenne; Und gehen Sie nach Petersburg anstatt nach Paris, obschon mit der letztere Ort vielleicht eher das Vergnügen verschaffen könnte, Sie früher wieder zusehen. Ich glaube bestimmt, daß Frankreich nicht ruhig bleibt, die Italiänische Revolution bedeutendere Folgen haben wird, Russland am sichersten ist, und besonders wird es mit jedem Jahre schlechter. Rode hatte goldene Zeiten dort, Romberg kupferne, die eisenen Zeiten kommen bald. Meinen besten Dank für die Grüße von Dubik12 in Aachen, nächstes Jahr sehe ich ihn mit meiner Familie.

12 Sept.

Da die Post nicht vor heute abging, ließ ich Ihren Brief unvollendet. Meine Frau und Kind sind außerordentlich wohl – die klei[ne] [Textverlust?] scheint eine Sängerin werden zuwollen: die Lungen sind in [einem] vortrefflichen Zustande. Doch ich bin nun schlecht daran, meine Fanny ist sehr krank seit gestern, wahrscheinlich mit den Rüdeln. eine liegt im ersten Stocke; ihr Kindermädchen, auf die ich mich so ganz verlassen konnte liegt sehr krank im dritten Stocke; und meine Frau im mitlern; in jedem Stocke habe ich eine Aufwärterin indem keine zur andern kommen soll. Ich hoffe, dies ändert sich bald, mein Arzt ist übrigens ganz gutes Muthes für alle. Vor einigen Tagen ist es mir gelungen, in's Haus of Lords zukommen, wo die Königin vor Gericht war:13 hätte man diese Geschichte doch nur ruhig gelassen. Ist sie wahr, so hätte man sie verheimlichen sollen, ist sie ungegründet, so ist es noch weit schlimmer. Sie können sich übrigens leicht denken, daß es außerordentlich interessant für mich war. Der Brief von Wien kam einige Tage nach Ihrer Abreise an. Smart habe ich einigemal besucht, ihn aber nicht gefunden, er ist nun aus der Stadt, ich werde ihn aber an den Herzog von Sussex erinnern, doch bezweifle ich, daß er etwas erhalten hat, indem wir haufig von Ihnen gesprochen haben. Nun adieu, lieber Freund, meine herzlichsten Grüße an Ihre liebe Frau und unbekannter Weise auch an Ihren Hr Vater, schreiben Sie bald

Ihrem Freunde
Ferd. Ries

Mein Bruder grüßt herzlich.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Ries. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ries an Spohr, 30.04.1822.

[1] Cecil Hill korrigiert hier in seiner Briefausgabe wegen des Datums der zu Beginn des Briefs erwähnten Geburt seiner Tochter Emily zu „10”.

[2] Harriet Ries.

[3] Emily Ries.

[4] „Schmerzen” über der Zeile eingefügt.

[5] Joseph Ries.

[6] Nicht ermittelt.

[7] „ich” über der Zeile eingefügt.

[8] „ich” über der Zeile eingefügt.

[9] „es” über der Zeile eingefügt.

[10] Ries verließ die Royal Harmonic Institution am 22.04.1820 gemeinsam mit George Smart und Charles Neate (vgl. Leanne Langley, „A Place for Music: John Nash, Regent Street and the Philharmonic Society of London”, in: Electronic British Library Journal (2013), Artikel 12, S. 41).

[11] Der Grund eines Streits zwischen Ries und William Ayrton geht aus dem publizierten Ries-Briefwechsel nicht hervor. Hill vollzieht in seinem Kommentar zu diesem Brief nach, dass Ries sich spätestens seit dem 17.04.1820 bemühte, Ayrton aus dem Direktorium der Philharmonic Society zu drängen (vgl. Ries, Briefe, S. 155, Anm. 6).

[12] Ries transkribiert hier „Dubrit”, löst diese Lesart im Kommentar jedoch als „Möglicherweise Dubick. Über ihn ist nichts bekannt” auf.

[13] Georg IV. ließ seine Frau vergeblich wegen Ehebruchs anklagen, um sich von ihr scheiden lassen zu können (vgl. The important and eventful Trial of Queen Caroline, Consort of George IV. for ”Adulterous Intercourse” with Bartolo Bergami. London 1820). Spohr erlebte die Begleiterscheiung zum Beginn der Verhandlungen noch selbst in London (Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 82f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 98f.).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.08.2016).