Autograf: nicht ermittelt
Abschrift: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,14
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 44f. (teilweise)

Gandersheim den 22ten März
1820.

Wohrgeborener,
Hochzuverehrender Herr,

Vergeblich würde ich mich bemühen Ew Wohlgeb. eine Beschreibung von der Freude zu machen, welche Ihr lieber Brief vom 17ten dieses gestern Morgen in meinem Hause verbreitete, gerade in dem Augenblick als alles darin aufs tiefste in Trauer versunken war. Denn leider war die scheckliche Nachricht von meinem ältesten Sohne und dessen Frau schon den Abend vorher durch voreilige Dienstfertigkeit anderer Leute uns zu Ohren gekommen. Wir waren alle gerade versammelt, in den soeben angekommenen Frankfurter, Casseler und Hamburger Zeitungen die uns angehenden Artikel aufzusuchen, als er gebracht wurde. Anfangs fürchtete ich in ihm, da ich sah, daß er von Frankfurt kam, die Bestäthigung der traurigen Nachricht zu finden, gegen welche wir uns in der schlaflos hingebrachten Nacht mancherlei Zweifelsgründe zu unserer gegenseitigen Beruhigung ersonnen hatten, und ich zitterte bey Erbrechung desselben. Kaum hatte ich aber die ersten beyden Zeilen daraus vorgelesen, so entstand ein solches Jubelgeschrei, daß ich lange warten mußte, ehe ich weiterlesen konnte. Und nun hätten Sie sehen müssen, wie alles, meine Frau, meine Kinder, meine Schwägerinnen und meine Großkinder, Emilie und Ida, schluchzend auf die Knie fielen, Gott dankten, daß er das Unglück von uns abgewandt hatte, und Segen von ihm erflehten für den herrlichen Mann, der auf den menschenfreundlichen Gedanken gekommen war uns bald aus unserer Angst zu reißen.
Empfangen Sie daher meinen wärmsten Dank dafür und die Versicherung, daß ich nie aufhören werde, Sie wegen dieses überaus großen Beweises von Freundschaft für meinen Sohn und dessen Familie hochzuschätzen und zu verehren. Von ihm und meiner Schwiegertochter erwarte ich erst binnen acht Tagen Schreiben, da sie meinen letzten Brief, welchen ich unter die Adresse H. Ferd. Ries nach London geschickt habe, erst den 10ten dieses in Händen haben konnten. Des ersten letztes war aus Brüssel vom 24ten Jan. und der letztern ihres aus Lille vom 12ten Febr.
Auch denjenigen verehrlichen Freunde meines Sohns, von dem in der letzten Frankfurter Zeitung die Widerlegung jener Schreckensnachricht herrührt, möchte ich im Namen unserer zerstreuten(?) Angehörigen und Freunde gern meinen Dank abstatten, wenn ich ihn kennte. Vielleicht gebührt es ebenfalls Ew. Wohlgeb.
Meine Frau, meine Kinder und alle die Meinigen, besonders meine Großtöchter Emilie und Ida statten ihren gleichfalls verbindlichsten Dank ab. Letztere befinden sich wohl werden groß und stark, und lernen fleißig. Sie empfehlen sich Ihrer ferneren Gewogenheit. Auch ihre kleine Schwester Therese, das Ebenbild der Ida, wird ein allerliebstes Kind, wächst zusehends, läuft wie eine Wachtel, blüht wie eine Rose, und fängt an lieblich zu schwätzen.
Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
Ew. Wohlgeb.

ergebenster
C.H. Spohr.

Erwähnte Personen: Ries, Ferdinand
Spohr, Dorette
Spohr, Louis
Spohr, Therese
Wolff, Ida
Zahn, Emilie
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Gandersheim
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1820032264

http://bit.ly/1PyVe2U

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den verschollenen Brief Wilhelm Speyer an Carl Heinrich Spohr, 17.03.1820. Speyer beantwortete diesen Brief nicht (vgl. Speyer an Louis Spohr, 04.07.1820). 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.01.2016).

Gandersheim, 22. März 1820.

Hochzuverehrender Herr!
Vergeblich würde ich mich bemühen, Ihnen eine Beschreibung von der Freude zu machen, welche Ihr lieber Brief vom 17. dieses gestern morgen in meinem Hause verbreitete, gerade in dem Augenblick als alles darin aufs tiefste in Trauer versunken war. Denn leider war die scheckliche Nachricht von meinem ältesten Sohne und dessen Frau schon den Abend vorher durch voreilige Dienstfertigkeit anderer Leute uns zu Ohren gekommen. Wir waren alle gerade versammelt, in den soeben angekommenen Frankfurter, Casseler und Hamburger Zeitungen die uns angehenden Artikel aufzusuchen, als er gebracht wurde. Anfangs fürchtete ich in ihm, da ich sah, daß er von Frankfurt kam, die Bestätigung der traurigen Nachricht zu finden, gegen welche wir uns in der schlaflos hingebrachten Nacht mancherlei Zweifelsgründe zu unserer gegenseitigen Beruhigung ersonnen hatten, und ich zitterte bei Erbrechung desselben. Kaum hatte ich aber die ersten beiden Zeilen daraus vorgelesen, so entstand ein solches Jubelgeschrei, daß ich lange warten mußte, ehe ich weiterlesen konnte. Und nun hätten Sie sehen müssen wie alles, meine Frau, meine Kinder, meine Schwägerinnen und meine Großkinder, Emilie und Ida, schluchzend auf die Knie fielen, Gott dankten daß er das Unglück von uns abgewandt hatte, und Segen von ihm erflehten für den herrlichen Mann, der auf den menschenfreundlichen Gedanken gekommen war uns bald aus unserer Angst zu reißen ...
Meine Frau, meine Kinder und alle die Meinigen, besonders meine Großtöchter, statten ihren verbindlichsten Dank ab ...
Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein Ew. Wohlgeboren ergebenster
C.A. Spohr.