Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,13
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 42f. (teilweise)

Lille den 21sten Februar 1820.

Geliebter Freund,

Ich bin überzeugt, daß Ihnen, so wie allen unseren Freunden in Deutschland die Nachricht von Tode des Königs von England1 unseretwegen manche Besorgniß erregt heben wird und wit selbst waren nicht wenig beunruhigt, als sich hier am Tage vor dem unserer bestimmten Abreise die durch den Telegrafen angekommene, für uns so wichtige Neuigkeit verbreitete. Im ersten Augenblick beschlossen wir sogleich nach Paris zu gehen, weil wir uns einbildeten, die Concerte der Ph. Gesellschaft würden wenigstens um 2 Monathe verschoben werden.Nach reiflicherer Überlegung hielten wir es aber doch für rathsamer, Nachrichten von London hier abzuwarten und die Zeit bis dahin dazu anzuwenden 2te Concerte hier und in Douay zu geben. Die ersten hatten uns nämlich kaum die Kosten des Aufenthalts eingetragen, weil wir, trozdem daß die Dilettanten ziemlich viele meiner Kompositionen kannten, dem großen Publiko zu wenig bekannt waren um es in Masse hineinzuziehen. Nach dem Enthusiasmus, mit dem unser Spiel hier und in Douay aufgenommen wurde, zu schließen, durften wir nun aber hoffen, in einem 2ten Concerte die allerbrillantesten Geschäfte zu machen. Schon waren beyde Concerte angekündigt und der Erfolg durch zahlreiche Subskriptionen gesichert, als ein 2ter Todesfall uns ärger als der erste erschreckte und durch seine Folgen um mehr als 2000 frank brachte. Gleich nach der Nachricht von der Ermordung des Herzogs von Berri2 wurden die Theater geschlossen und alle öffentlichen Vergnügungen untersagt; die Strenge ging so weit daß man die Singstunden in der hiesigen Academie (eine Art Conservatoire de Musique) für einige Zeit aussezte um den Vorbeygehenden kein Ärgerniß zu geben. Daß unsere Concerte im Verbot mit eingeschlossen waren, versteht sich von selbst und da wir in der Zwischenzeit Briefe von der Ph. Ges. erhalten haben, die den Anfang der Concerte in London auf den 6ten März festsetzen, so können wir auch nicht einmal das Ende der Trauer abwarten und haben uns entschließen müssen die beyden Concerte aufzugeben und den Subscribenten ihr Geld wieder zu schicken. – Wir werden nun übermorgen nach London abreisen. Da wir hier sehr viele Bekannte haben, so lassen wir den Wagen, die Harfe u.s.w. lieber gleich hier und reisen mit der Diligence3 nach Calais. – Die Ph. Ges. hat mir bey der Douane zur freien Einbringung meiner Geige und Musik ausgewirkt die ich in Dover vorfinden werde. Meine versiegelten Empfehlungsbriefe werde ich von Calais aus unter Concert(?) an Ries nach London schicken.
Den einzigen Nutzen den ich aus dem hiesigen langen und kostspieligen Aufenthalt gezogen habe besteht in einer Veränderung meiner Geige wodurch sie außerordentlich an Stärke und Klang gewonnen hat. Sie ist nun so vorzüglich daß ich kaum die Zeit abwarten kann, um auf ihr in London zu debutieren. Die erste Idee zu dieser Veränderung gab mir die Geige nach der neuen Erfindung dich ich Ihnen im vorigen Br. beschrieben habe. Sie besteht darin daß ich mir habe einen neuen ganz kurzen Saitenfessel machen lassen, so daß die Saiten ganz nah am Knopf, unter dem Kinn, befestigt sind. Damit man sie nicht mit dem Kinn berühre, habe ich eine Art von Schild darüber machen lassen, der aber die Saiten nicht berührt und sie in ihren Schwingungen nicht stört. Damit Sie mich besser verstehen will ich die Geige hieher zeichnen. Die Saiten laufen unter dem Saitenfessel fast so weit die Punkte reichen und sind dann unterwärts befestigt, so daß der Saitenfessel oben ganz schlingt(?) ist. Damit man besser dazu kann wenn eine reißt, habe ich ein Loch bohren lassen wodurch man die Knoten der beyden mittleren sieht. Dies Loch ist aber durch einen mit Perlmutt verzierten Knopf geschlossen der nach Belieben herausgenommen werden kann.
Es ist überdies unter dem Saitenfessel ein kleiner Steg auf welchem die Saiten ruhen und wodurch sie ganz genau in folgende Quinten gestimmt sind. 

Diese vier stumpfesten Töne der Geige finden nun diesseits des Stegs einen Mitklang, wodurch auf meiner Geige Desdur beynah so brillant klingt wie Ddur auf andern. Außerdem hat die Geige überhaupt sehr an Klang und Stärke gewonnen und noch ein großer Vortheil ist, daß alle Saiten die ich aufziehe, sie möge seyn wie sie wollen, quintenrein sind, eine Sache, die ich noch nicht recht zu erklären weiß, die aber unbezweifelt und für den Spieler von undendlichem Vortheile.
Da ich sehr wünsche, daß diese Veränderung vor meiner Rückkehr nach Deutschland nicht nachgemacht werde, so bitte ich Sie, diese Beschreibung niemand zu zeigen der Gebrauch davon machen könnte.4
Ihren Brief mit den Einlagen habe ich in Brüssel richtig erhalten. Ich danke Ihnen herzlich für die bündige(?) Vertheidigung5 meines armen 7ten Concerts.
Wir hoffen nur bey unserer Ankunft in London, die den letzten dieses oder spätestens den 1sten März stattfinden wird, Briefe von Ihnen dort vorzufinden. Dann werde ich Ihnen wieder schreiben. – Herzliche Grüße von mir an die Ihrigen und unsere Freunde.

Erwähnte Personen: Artois, Charles-Ferdinand d’
Georg III. Großbritannien, König
Ries, Ferdinand
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 38
Erwähnte Orte: Douay
Dover
Lille
London
Paris
Erwähnte Institutionen: Philharmonic Society <London>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1820022102

http://bit.ly/1VkR4QH

Spohr



Der letzte überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 25.01.1820. Zwischen beiden Briefen liegt möglicherweise aber noch ein verschollener Brief von Speyer an Spohr, der Spohr aber sicherlich erst später erreichte. Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 27.03.1820.

[1] Georg III war am 29.01.1820 verstorben (vgl. „England”, in: Königlich-privilegirte Baierische Nationalzeitung 14 (1820), S. 132). 

[2] Charles-Ferdinand d’Artois, Herzog von Berry, wurde am 13.02.1820 beim Verlassen der Pariser Oper vom Sattler Pierre Louis Louvel tödlich mit einem Messer verletzt (vgl. Précis sur la vie et les derniers momens de S.A.R.Mgr le Duc de Berry, assassiné le 13 fevriér 1820, par l’infame et execrable Louvel, Nantes 1820). 

[3] Postkutsche.

[4] Spohr veröffentlichte seine Erfindung erstmals in Louis Spohr, „Musikalische Notizen gesammelt von Louis Spohr während seines Aufenthalts in London vom Ende Februar bis Ende July 1820“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 22 (1820), Sp. 521-530, hier Sp. 529f.; vgl. Karl Traugott Goldbach, „Louis Spohr und der Kinnhalter“, in: Musikforschung 68 (2015), S. 123-135, hier v.a. S. 127ff.

[5] Vermutlich eine noch nicht identifizierte Konzertkritik.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.01.2016).

Lille, 21. Februar 1820.

Ich bin überzeugt, daß Ihnen, so wie allen unseren Freunden in Deutschland die Nachricht von Tode des Königs von England unseretwegen manche Besorgniß erregt heben wird und wit selbst waren nicht wenig beunruhigt, als sich hier am Tage vor dem Unserer bestimmten Abreise die durch den Telegrafen angekommene, für uns so wichtige Neuigkeit verbreitete. Im ersten Augenblick beschlossen wir sogleich nach Paris zu gehen, weil wir uns einbildeten, die Concerte der Ph. Gesellschaft würden wenigstens um 2 Monathe verschoben werden.Nach reiflicherer Überlegung hielten wir es aber doch für rathsamer, Nachrichten von London hier abzuwarten und die Zeit bis dahin dazu anzu­wenden 2te Concerte hier und in Douay zu geben. Die ersten hatten uns nämlich kaum die Kosten des Aufenthalts eingetragen, weil wir, trozdem daß die Dilettanten ziemlich viele meiner Kompositionen kannten, dem großen Publiko zu wenig bekannt waren um es in Masse hineinzuziehen. Nach dem Enthusiasmus, mit dem unser Spiel und in Douay aufgenommen wurde, zu schließen, durften wir nun aber hoffen, in einem 2ten Concerte die allerbrillantesten Geschäfte zu machen. Schon waren beyde Concerte angekündigt und der Erfolg durch zahlreiche Subskriptionen gesichert, als ein 2ter Todesfall uns ärger als der erste erschreckte und durch seine Folgen um mehr als zweitausend Franken brachte. Gleich nach der Nachricht von der Ermordung des Herzogs von Berry wurden die Theater geschlossen und alle öffentlichen Vergnügungen untersagt; die Strenge ging so weit daß man die Singstunden in der hiesigen Academie (eine Art Conservatoire de Musique) für einige Zeit aussezte um den Vorbeigehenden kein Ärgerniß zu geben. Daß unsere Concerte im Verbot mit eingeschlossen waren, versteht sich von selbst und da wir in der Zwischenzeit Briefe von der Ph. Ges. erhalten haben, die den Anfang der Concerte in London auf den 6ten März festsetzen, so können wir auch nicht einmal das Ende der Trauer abwarten und haben uns entschließen müssen, die beyden Konzerte aufzugeben und den Subskribenten ihr Geld wieder zu schicken. - Wir werden nun übermorgen nach London abreisen. ...