Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,12

Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 40ff. (teilweise)

Herrn
Herrn Wilhelm Speyer
Neue Mainzergasse
zu
Frankfurt a/m


Brüssel den 25sten Januar
1820

Geliebter Freund,

Mein Briefchen aus St. Goar, am Abend unserer Abreise geschrieben, haben Sie hoffentlich erhalten und wissen daher, daß wir die gefährlichste Strecke unserer Reise, den Übergang über den Rhein ohne Unfall vollbracht hatten; hier nahe bey Brüssel droheten uns die Überschwemmungen, die sogar einen Theil der Stadt unter Wasser gesezt hatten1, aufzuhalten; doch gelang es uns noch vor dem völligen Aufthauen in die Stadt zu kommen, aus der aber gleich nach unserer Ankunft keine Abreise mehr möglich war, so daß Posten und Courire zwey Tage stille liegen mußten. Das Wasser hat in Häusern, Kellern und Magazinen großen Schaden gethan. Doch jezt ist alles wieder im alten Stande und man fängt an den Unfall zu vergessen und von etwas anderm zu reden. Das will ich denn auch thun.
Das Interessanteste was mir als Künstler bis jezt begegnet ist, ist das Zusammentreffen hier mit Boucher. Alexandre Boucher ist Ihnen aus Siever's Pariser Allerley als ein, selbst unter den Franzosen berüchtigter Charlatan schon hinlänglich bekannt.2 Ein einfacher, ehrlicher Deutscher muß aber einen solchen windigen Patron selbst kennen lernen um sich einen Begriff von ihm machen zu können. Er hatte kaum meine Ankunft erfahren, als er zu mir kam und nach zwey Stunden des unaufhörlichen Geschwätzes wußte ich nicht allein alle seine, sondern auch aller andern Pariser Geiger wahre und erdichtete Aventüren. Daß er sie nach seinen Erzählungen alle besiegt hat und überall, wo er war, die erste Rolle spielte versteht sich von ihm, der sich mehr als einmal auf seinen Affiches prèmier violon de l'univers nannte, von selbst. Einige Tage nachher trafen wir in einer Gesellschaft zusammen wo er mich spielen hörte. Er überhäufte mich mit viel Lobsprüchen und meinte, mir könne es gar nicht fehlen alle Pariser Geiger niederzuspielen. Gestern hörte ich denn auch ihn. Es ist kaum begreiflich, wie man so toll auf der Geige herumwüthen kann! Doch ist nicht zu leugnen, daß er allenthalben auf dem Griffbrett zu Haus ist und daß zuweilen, aber doch nur selten, Sachen zum Vorschein kommen, die vollkommen so sind, wie sie der reinste Geschmack nur verlangen kann. Gewöhnlich klingt es aber, als wenn er sich und seine Kompositionen persifliren wollte. – Man weis hier das Materielle des Geigens recht gut zu beurtheilen und es sind hier ein paar junge Leute, Eleven von Viotti und Baillot, die das was ihnen eingelernt ist, recht vorzüglich wiedergeben. In der Komposition sind sie aber ungeheuer zurück und eine gute deutsche Komposition ist ihnen völlig unverständlich. Mein neues Soloquartett frappirte sie gewaltig; den gearbeiteten scheinen sie aber keinen Geschmack abgewinnen zu können.
Boucher besizt eine von den neuen Pariser Geigen.3 Sie hat die Gestalt einer Guitarre, keine vorstehenden Ränder, ist nicht eingelegt und die Saiten sind ohne Saitenfessel in der Geige befestigt. Ich male sie Ihnen hieher.
[Zeichnung vgl. Autograf]
Der Ton ist stark und sehr voll, doch ein wenig bratschenartig. Dadurch daß die Saiten diesseits des Stegs mitklingen, klingen vieleTöne, die auf unsern Geigen hart und stumpf sind z.B. as und es eben so heller wie d und a, was mich sehr angenehm überrascht. Überhaupt ist nicht zu leugnen, daß alles das,worin diese Geigen von den alten abweichen, wahre Verbesserungen sind. Sollte Boucher’s Geige durch längeres Spielen (sie ist erst ein halbes Jahr alt) das hohle, bratschenartige verlieren, so ist sie besser als alle alte Geigen, die mir bis jezt vorgekommen sind. Stärker und voller im Ton ist sie jezt schon.
Von unsern Geschäften kann ich Ihnen noch nicht viel schreiben.
Morgen werden wir im Theater mit der Direktion gemeinschaftlich Concert geben. Zuerst ein kl. Lustspiel, dann unser Concert, z. Beschluß eine kk. Oper. Von der Einnahme werden erst 500 Francs für die Unkosten abgezogen, den Überschuss theilen wir. Ich glaube nicht, daß viel herauskommen wird. Das neue Theater ist übrigens ein wunderschönes Gebäude, in welchem es eine Freude machen wird zu spielen. –
Nächsten Freytag reisen wir nach Lille, versuchen dort noch einmalunser Heil und gehen darm ohne weitern Aufenthalt über Calais nach London. Dort hoffen wir bey unserer Ankunft einen Brief von Ihnen unter Adresse von Ries vorzufinden. Die von Haus, welche Sie uns mitgeschickt haben, sind richtig angekommen. Von London habe ich aber noch keine Nachricht und deswegen gestern noch einmal geschrieben. –
An Ihr ganzes Haus und alle Frankfurter Freunde und Bekannte die herzlichsten Grüße. Mit unveränderter Freundschaft der Ihrige Louis Spohr

Erwähnte Personen: Boucher, Alexandre
Ries, Ferdinand
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Brüssel
Calais
Lille
London
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1820012502

http://bit.ly/1njeURB

Spohr



[1] Vgl. „Tagesneuigkeiten. Niederlande. Mittheilungen für’s O.B. Aus dem Königreiche der Niederlande”, in: Oppositionsblatt oder Weimarische Zeitung 13 (1820), Sp. 452f., hier Sp. 452; J.H. Bergmann, Jahrbuch der Zeitgeschichte. Eine Uebersicht der merkwürdigsten neuesten Ereignisse in Natur, Leben, Staat, Kirche, Wissenschaft und Kunst, Bd. 1, Leipzig 1820, S. 5

[2] Vgl. G[eorg] L[udwig] P[eter] Sievers, „Musikalisches Allerley aus Paris, vom Monate November, 1818”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 21 (1819), Sp. 13-16 und 28-32, hier Sp. 29f.; ders., „Musikalisches Allerley aus Paris, vom Monate Februar 1819”, in: ebd., Sp. 209-218, hier Sp. 216; ders., „Musikalisches Allerley aus Paris, vom Monate April, 1819”, in: ebd., Sp. 373-383, hier Sp. 380; ders., „Musikalisches Allerley aus Paris, vom Monate July, 1819”, in: ebd., Sp. 588-593 und 597-603, hier Sp. 601; ders., „Musikalisches Allerley aus Paris, vom Monate August, 1819”, in: ebd., Sp. 667-679, hier Sp. 673

[3] In der Folge von François Chanot bauten mehrere Geigenbauer Geigen, mit längeren f-Löchern und Rundungen statt Ecken (vgl. Willibald Leo von Lütgendorff, Die Geigen- und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 1, Nachdruck der 6. Aufl, Tutzing 1975, S. 113).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.01.2016).

Brüssel, 25. Januar 1820.

Mein Briefchen aus St. Goar, am Abend unserer Abreise geschrieben, haben Sie hoffentlich erhalten und wissen daher, daß wir die gefährlichste Strecke unserer Reise, den Übergang über den Rhein ohne Unfall vollbracht hatten. Hier, nahe bei Brüssel drohten uns die Überschwemmungen, die sogar einen Teil der Stadt unter Wasser gesetzt hatten, aufzuhalten; doch gelang es uns noch vor dem völligen Auftauen in die Stadt zu kommen, aus der aber gleich nach unserer Ankunft keine Abreise mehr möglich war, so daß Posten und Kuriere zwei Tage stille liegen mußten. Das Wasser hat in Häusern, Kellern und Magazinen großen Schaden getan. Doch jetzt ist alles wieder im alten Stande und man fängt an den Unfall zu vergessen und von etwas anderm zu reden. Das will ich denn auch tun.
Das Interessanteste was mir als Künstler bis jezt begegnet ist, ist das Zusammentreffen hier mit Boucher. Alexander Boucher ist Ihnen aus Sievers ,Pariser Allerley’ als ein, selbst unter den Franzosen berüchtigter Charlatan schon hinlänglich bekannt. Ein einfacher, ehrlicher Deutscher muß aber einen solchen windigen Patron selbst kennen lernen um sich einen Begriff von ihm machen zu können. Er hatte kaum meine Ankunft erfahren, als er zu mir kam und nach zwei Stunden des unaufhörlichen Geschwätzes wußte ich nicht allein alle seine, sondern auch aller andern Pariser Geiger wahre und erdichtete Aventüren. Daß er sie nach seinen Erzählungen alle besiegt hat und überall, wo er war, die erste Rolle spielte, versteht sich von ihm, der sich mehr als einmal auf seinen Affiches ,Prèmier violon de l'univers’ nannte, von selbst. Einige Tage nachher trafen wir in einer Gesellschaft zusammen, wo er mich spielen hörte. Er überhäufte mich mit viel Lobsprüchen und meinte, mir könne es gar nicht fehlen alle Pariser Geiger niederzuspielen. Gestern hörte ich denn auch ihn. Es ist kaum begreiflich, wie man so toll auf der Geige herumwüten kann! Doch ist nicht zu leugnen, daß er allenthalben auf dem Griffbrett zu Haus ist, und daß zuweilen, aber doch nur selten, Sachen zum Vorschein kommen, die vollkommen so sind, wie sie der reinste Geschmack nur verlangen kann. Gewöhnlich klingt es aber, als wenn er sich und seine Kompositionen persifliren wollte. - Man weiß hier das Materielle des Geigens recht gut zu beurtheilen und es sind hier ein paar junge Leute, Eleven von Viotti und Baillot, die das was ihnen eingelernt ist, recht vorzüglich wiedergeben. In der Komposition sind sie aber ungeheuer zurück und eine gute deutsche Komposition ist ihnen völlig unverständlich. Mein neues Soloquartett frappirte sie gewaltig; den gearbeiteten scheinen sie aber keinen Geschmack abgewinnen zu können.
Boucher besizt eine von den neuen Pariser Geigen. Sie hat die Gestalt einer Guitarre, keine vorstehenden Ränder, ist nicht eingelegt und die Saiten sind ohne Saitenfessel in der Geige befestigt. Der Ton ist stark und sehr voll, doch ein wenig bratschenartig. Dadurch daß die Saiten diesseits des Stegs mitklingen, klingen vieleTöne, die auf unsern Geigen hart und stumpf sind z.B. as und es eben so heller wie d und a, was mich sehr angenehm überrascht. Überhaupt ist nicht zu leugnen, daß alles das, worin diese Geigen von den alten abweichen, wahre Verbesserungen sind. Sollte Boucher’s Geige durch längeres Spielen (sie ist erst ein halbes Jahr alt) das hohle, bratschenartige verlieren, so ist sie besser als alle alte Geigen, die mir bis jezt vorgekommen sind. Stärker und voller im Ton ist sie jezt schon.
Von unsern Geschäften kann ich Ihnen noch nicht viel schreiben. Morgen werden wir im Theater mit der Direktion gemeinschaftlich Konzert geben. Zuerst ein kleines Lustspiel, dann unser Konzert, zum Beschluß eine kleine Oper. Von der Einnahme werden erst fünfhundert Franken für die Unkosten abgezogen, den Überschuss teilen wir. Ich glaube nicht,daß viel herauskommen wird. Das neue Theater ist übrigens ein wunderschönes Gebäude, in welchem es eine Freude machen wird zu spielen.
Nächsten Freytag reisen wir nach Lille, versuchen dort noch einmal unser Heil und gehen dann ohne weitern Aufenthalt über Calais nach London. ...