Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,9

Herrn
Herrn Wilhelm Speyer
im eigenen Hause in der neuen
Mainzerstraße zu
Frankfurt a/m


Gotha den 14ten December
19.

Geliebter Freund,

Ihren ersten Brief vom 27sten November fand ich bey unserer Ankunft hier am vorigen Sonnabend schon vor, den 2ten vom 8ten dieses habe ich aber erst gestern erhalten. Ich eile nun beyde zu beantworten und danke Ihnen zuförderst für die Sorgfalt mit der Sie unser Bestes im Auge haben, der 20ste dieses, den Sie zu einem Concert für uns belegt haben, wäre selbst in dem Fall, daß wir von hier direkt nach Frankfurt gingen zu früh, indem wir an diesem Tage noch einmal hier in einem Concerte welches Schade angekündigt hat, spielen werden; vorher, am nächsten Donnerstag werden wir bey Hofe gehört werden. - Nun habe ich aber meiner guten Dorette versprochen, [daß] sie nach so viel Anstrengungen acht glückliche Tage bey ihren Kindern verleben soll, wir werden daher Dienstag den 21sten von hier nach Cassel reisen, unsern Wagen dort stehen lassen und von da einen Abstecher nach Gandersheim machen; in der Zeit unserer Abwesenheit von Weihnachten bis Neujahr denke ich mir vom Kapellmeister Guhr und meinen andern dortigen Bekannten ein Concert in Cassel veranstalten zu lassen, welches wir dann auf der Rückreise geben werden. Dieß muß den 3 - 4- oder 5ten Januar stattfinden und unsere Ankunft in Frankf. würde allso spätestens Freytag den 7ten seyn. Könnten Sie nun zu dem Concerte in Frankfurt Montag den 10ten Januar oder wenn dieser Tag schon belegt wäre Mittwoch den 12ten erhalten, so wäre mir das sehr gelegen. Zwar weiß ich wohl, daß Herr v. Lange auf der Polizei1 nicht gern 2 Concerte in einer Woche gestattet und daher Schwierigkeiten machen wird den 12ten zu erlauben, wenn der 10te schon von jemand belegt worden ist; allein da ich so sehr in meiner Zeit beschränkt bin und da er sich immer sehr gefällig gegen mich bezeigte, so hoffe ich, würde er wohl dasmal eine Ausnahme gestatten. Sollten Sie nun einen von diesen Tagen erhalten, so bitte ich Sie von Neujahr an, die Liste gefälligst cirkuliren zu lassen. Einer besondern Anzeige in derselben bedarf es nicht; je einfacher, je besser.
Wollten sie vieleicht die Güte haben mit Schelble wegen zweyer Gesangstücke Rücksprache zu nehmen und ihn in meinem Nahmen um seine Theilnahme dabey bitten, so würden Sie mich sehr verbinden. Außerdem möchte ich Sie noch bitten den Saal zu belegen und Herrn Hofmann den Tag des Concerts anzuzeigen. Daß das Orchester eine fixe Summe für seine Mitwirkung bestimmt hat, ist mir sehr lieb, weil ich nun allen Einladungen überhoben bin und mir keine drückenden
Verbindlichkeiten aufzuladen brauche.
Herrn v. Schmerfeldt werde ich selbst sch[reiben]. Sollte das Concert in Cassel nicht zu stande kommen, so fänden wir vieleicht noch Zeit in Hanau Concert zu geben, außerdem müßten wir darauf Verzicht leisten. Von Frankfurt müssen wir so ohne weitern Aufenthalt direkt nach Brüssel gehn da ich neuern Nachrichten zufolge spätstens bis zum 15ten Februar in London seyn muß. Bloß des Königs Tod der nach den Zeitungen gefährlich krank ist, könnte [noch] eine Änderung machen.
In Leipzig haben wir ein so brillantes Concert gemacht, wie seit 10 Jahren nicht stattgefunden hat. Wir wurden allgemein aufgefordert ein 2tes zu geben; da aber in Rudolstadt bereits eins angekündigt und arrangirt war, welches sich auch nicht mehr aufsagen ließ, so konnten wir dieser Aufforderung nicht folgen. Wir haben da im Hause des Herrn v. Holleben und im Zirkel lieber Freunde 5 Tage äußerst vergnugt verlebt. Es war das erste mal daß meine arme Dorette seit der Trennung von ihren Kindern wieder einmal recht froh war. ­Die herzlichsten Grüße von uns an die Ihrigen. Ich erwarte nun noch vor unserm Wiedersehn ein Paar Zeilen nach Gandersheim.­Unendlich freuen wir uns darauf mit Ihnen und Ihrer Familie [einige] Tage im Genuß der Freundschaft und Kunst verleben [zu können.]
[Ihr Louis Spohr]

Erwähnte Personen: Guhr, Carl
Hoffmann, Heinrich Anton
Holleben, Karl Ludwig Anton von
Langen, Friedrich von
Schade, Johann Gottfried
Schelble, Johann Nepomuk
Schmerfeld, Friedrich von
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Brüssel
Frankfurt am Main
Gandersheim
Gotha
Hanau
Kassel
Leipzig
London
Rudolstadt
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1819121402

http://bit.ly/23jguUx

Spohr



Dieser Brief beantwortet Speyers verschollene Briefe an Spohr, 27.11.1819 und 08.12.1819. Speyers Antwortbrief ist ebenfalls verschollen.

[1] Vermutlich der Polizei-Actuar Friedrich von Langen (vgl. Staats-Calender der freien Stadt Frankfurt, Frankfurt am Main 1818, S. 31). 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.01.2016).