Autograf: nach Göthel ehemals Nachlass Spohr, heute verschollen
Druck: Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 231f., Anm. 29

Als ich vor etwa einem halben Jahr nach meines Vorgängers1 Tode meine Bedingungen zu einem fernern Engagement bei hiesigem Theater der Wohll. Direktion übergab, wurde ich von derselben ersucht, mit der Entscheidung darauf bis zum 1. Mai d. J. zu warten, da man, wie man nicht zweifle, bis dahin imstande sein würde, sie zu bewilligen, indem das Theater durch den projektierten Bau ins Künftige die Mittel erhalten würde, sich zu einer wirklichen Kunstanstalt emporzuschwingen. Aus diesen Plänen ist nichts geworden; auch haben mehrere Mitglieder der Wohll. Direktion und des Aktienbundes seit der Zeit oft und freimütig geäußert, daß sie es mehr nachteilig als vorteilhaft für das Institut halten, wenn ein Künstler von Ruf, von gebildetem Verstand und Kompositionstalent an der Spitze ihres Orchesters stehe; während andere Theaterdirektionen der Meinung sind, das es sowohl ihrer Ehre wie auch ihrem Vorteil angemessen sei, die Leitung einem Manne zu übergeben, der durch seinen Ruf in der Künstlerwelt, durch Auswahl des Gediegenen und Geschmackvollen für das Repertoire und dadurch, daß er für die Fähigkeiten der Sänger und die Mittel der Bühne etwas Neues schreibe, dem Institut, an dessen Spitze er stehe, Ansehen und Vorteil bringe. – Weit entfernt indessen, die Ansicht der hiesigen Wohll. Direktion bestreiten zu wollen, finde ich nur, daß es mit meiner Kunstansicht nicht möglich sei, den Ansprüchen, die sie an einen Orchesterdirektor macht, zu genügen, und wiederhole daher meine frühere Aufkündigung, nach welche ich in vier Monaten, den 1ten September d.J., von hiesigem Theater abgehen werde.
Einer Wohll. Theaterdirektion ergebenster Diener
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Schmitt, Carl Joseph
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1819050113

http://bit.ly/2e3kWCp

Spohr



Den Angaben im Brief zufolge reichte Spohr dieses Kündigungsschreiben vier Monate vor dem 01.09.1819 ein, also am 01.05.1819. Spohr an Friedrich Thomae, 04.05.1819 bestätigt diese Datierung: „Vor einigen Tagen habe ich geradezu aufgekündigt”.

[1] Carl Joseph Schmitt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.10.2016).