Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,145
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 262f.
Online: Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe, Digitale Edition

A
Monsieur Kleine,
Directeur de Musique
à Amsterdam.

Pour Mr. Louis Spohr
Maitre de chapelle de
Vienne.


Leipzig, d. 1sten Octbr. 1817.

Ew. Wohlgeb.

haben mein voriges Schreiben vollkommen so aufgenommen , wie ich erwartet hatte; und so bedarf es künftig weder von mir, noch von Ihnen, der Zusicherungen von Theilnahme u. dgl. Vielmehr komme ich jetzt, zumal da ich, wie leider uberhaupt, von nöthigen, wie von eigentlich unnöthigen, darum aber doch unabwendbaren Beschäftigungen fast erdrückt werde — auf die
beyden Angelegenheiten, worüber Sie meinen Rath verlangen. — In Prag, wo so Wenige schreiben konnen, und von den Wenigen kaum Einige schreiben mögen, besitzt, wie Sie mit Recht vermuthen, die musikal. Zeitg. seit mehreren Jahren keinen Correspondenten, und kann jetzt auch keinen erreichen. Alle vielfältige Bemühung ist vergebens gewesen. Zwar gibt's Herren, die zuweilen sich selbst und einen Gevatter ausposaunen möchten: aber das kann nicht angenommen werden. Als Mar. v. Weber noch dort war, und ich erfuhr, Ihr Faust sey eben auf die Bühne gebracht, schrieb ich diesem eine Nachricht darüber für jene Zeitg.: er versprach sie, gab sie aber nicht. Als er weg und vorerst nach Berlin ging, besuchte er mich, versprach, auf mein Erinnem von Neuem, hat aber noch heute nichts gethan.1 Auch hat Ihr Faust zwar einen günstigen, doch nicht eben ausgezeichneten Erfolg gehabt; was aber durchaus nicht gegen ihn sprechen soll, denn ich kenne den jetzt so verdumpften Sinn der Prager2 — doch aber ihm (dem Faust)3 in der allgemeinen Meynung, wie sie4 der großen Masse vor Kenntnis des Werkes aus den öffentlichen eleganten und nicht eleganten Klatschbuden sich zu bilden pflegt, nachtheilig geworden ist.5 Schriebe Weber wirklich darüber, so würde das von guter Wirkung seyn; sonst aber (oder auch, bey jenem) wäre mein Rath, Sie schrieben dem Grafen Brühl nach Berlin, und bewirkten dort eine möglichst gute Aufführung.6 Machte da, eben da, das Werk bedeutendes Glück, wie ich [nic]ht zweifle: so würde es dann gewiß auf den meisten Theatern gewünscht werden. Der Faust Klingemanns7, der, wie er nun auch seyn mag, überall eingeführt ist und eine gewisse Art des Effects allerdings hervorbringt, erschwert dem Ihrigen ebenfalls den Eingang. Erlauben Sie mir dabey eine Frage! Sie erklären ihn für Ihre beste Arbeit: gehet es Ihnen auch nicht, wie mehrern andern Künstlern, daß sie sich in so fern selbst verkennen, als sie von einer Seite durch ihre innerste Natur, von der andern durch ihren Vorsatz geleitet werden, und nun, was sie dort leichter erringen, dem ungerecht nachstellen, was sie hier schwerer zu Stande bringen? Ich — nach alle dem, was ich von Ihren Werken kenne — ich glaube, Ihre eigentliche Heimath ist, wie J. Haydns u. Beethovens, in der Instrumentalmusik. Da vermögen Sie aber auch alles, wenn Sie nur wollen. Einen schönen und neuen Beweis dafür habe ich erst in diesen Tagen mir wieder verschafft, indem ich mir Ihr Concert aus Emoll (bey Peters) in Partitur setzen lassen, damit ich etwas Ordentliches und Ausführliches — wie weit dies bey Werken dieser Gattung uberhaupt in meinen Kraften ist — darüber sagen könne. Sie werden meine Anzeige sobald zu lesen bekommen, als sich Platz finden will; wenigstens noch in diesem Jahr8: u. ich wünsche, daß Sie damit zufrieden seyn mögen. — Über die zweyte Ihrer Angelegenheiten kann ich kurz seyn. Der König von Preußen hat, wie Sie nun aus öffentl. Blättern wissen werden, in Paris Spontini's zum Kapellmeister angenommen. Jene öffentliche9 Aufforderung, Webers wegen, war wol nur eine Manipulation seiner Berliner Freunde. Auch glaube ich nicht, daß W. von Dresden wegginge; wenigstens würde ichs ihm sehr verdenken: denn, wie er sich in Achtung, und sonst auch, zu setzen gewußt hat, kann sich ein wahrer, und nicht mehr in eitlem Zujauchzen u. dgl. lebender Künstler billiger Weise kaum eine bessere Stelle wünschen. Ihnen würde es aber dort schwerer geworden seyn, Polledro's wegen. — Da ich aber nun Ihre Gedanken und Wünsche uber diesen Punkt kenne, werde ich, im Fall ich künftig etwas Ähnliches erführe, Ihnen Nachrichten geben, und Mittel und Wege, weiß ich sie selbst, gleichfalls. Unser alter, wackerer Schicht wird stumpf, u. ein Schlagfluß scheint ihm nachzuschleichen, der ihn einmal schnell anpacken kann; Schneider erhält dann wahrscheinl. seine Stelle an der Schule: möchten Sie dann Direktor unserer neuen, schönen Oper werden? Schneider ist außerdem auch noch Organist an der Thomaskirche, was er als Cantor nicht bleiben könnte. — Und nun noch ein Wort, das Sie mir ja nicht mißdeuten dürfen! Muthen Sie mir nicht zu, oft und viel zu schreiben: ich arbeite, oder sitze doch mich ohnehin in ein steifes Alter, und muß mich zurückhalten.
Mit Hochachtung und Freundschaft Sie begrüßend

Rochlitz.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 21.09.1817. Spohrs Antwort vom 05. oder 06.11.1817 ist derzeit verschollen.

[1] Eine Kritik Webers erschien an anderer Stelle (Carl Maria von Weber, Hinterlassene Schriften, hrsg. v. Theodor Hell, Bd. 2, Dresden und Leipzig 1829, S. 156-160).

[2] Rychnovsky führt diese Formulierung auf Carl Maria von Weber an Rochlitz, 16.05.1814 zurück (Rychnovsky, S. 260; vgl. Brief in: Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe, Digitale Edition).

[3] „(dem Faust)” über der Zeile eingefügt.

[4] Hier gestrichen: „bey”.

[5] Wohl Anspielung auf: „Aus Prag”, in: Zeitung für die elegante Welt 17 (1817), S. 90.

[6] Diesen Brief an Brühl schrieb Spohr erst nach der erfolgreichen Inszenierung in Frankfurt am Main am 15.05.1818.

[7] August Klingemann, Faust. Ein Trauerspiel in fünf Acten, Leipzig und Altenburg 1815.

[8] [Friedrich Rochlitz], Rez. „Septième Concerto pour le Violon avec accomp. de grand Orchestre, par Louis Spohr [...]”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 19 (1817), Sp. 725-728.

[9] „öffentliche” über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.06.2016).

Leipzig, d. 1sten Octbr. 1817.

Ew. Wohlgeb.

haben mein voriges Schreiben vollkommen so aufgenommen , wie ich erwartet hatte; und so bedarf es künftig weder von mir, noch von Ihnen, der Zusicherungen von Theilnahme u. dgl. Vielmehr komme ich jetzt, zumal da ich, wie leider uberhaupt, von nöthigen, wie von eigentlich unnöthigen, darum aber doch unabwendbaren Beschäftigungen fast erdrückt werde — auf die
beyden Angelegenheiten, worüber Sie meinen Rath verlangen. — In Prag, wo so Wenige schreiben konnen, und von den Wenigen kaum Einige schreiben mögen, besitzt, wie Sie mit Recht vermuthen, die musikal. Zeitg. seit mehreren Jahren keinen Correspondenten, und kann jetzt auch keinen erreichen. Alle vielfältige Bemühung ist vergebens gewesen. Zwar gibt's Herren, die zuweilen sich selbst und einen Gevatter ausposaunen möchten: aber das kann nicht angenommen werden. Als Mar. v. Weber noch dort war, und ich erfuhr, Ihr Faust sey eben auf die Bühne gebracht, schrieb ich diesem eine Nachricht darüber für jene Zeitg.: er versprach sie, gab sie aber nicht. Als er weg und vorerst nach Berlin ging, besuchte er mich, versprach, auf mein Erinnem von Neuem, hat aber noch heute nichts gethan. Auch hat Ihr Faust zwar einen günstigen, doch nicht eben ausgezeichneten Erfolg gehabt; was aber durchaus nicht gegen ihn sprechen soll, denn ich kenne den jetzt so verdumpften Sinn der Prager — doch aber ihm (dem Faust) in der allgemeinen Meynung, wie sie bey der großen Masse vor Kenntnis des Werkes aus den öffentlichen eleganten und nicht eleganten Klatschbuden sich zu bilden pflegt, nachtheilig geworden ist. Schriebe Weber wirklich darüber, so würde das von guter Wirkung seyn; sonst aber (oder auch, bey jenem) wäre mein Rath, Sie schrieben dem Grafen Brühl nach Berlin, und bewirkten dort eine möglichst gute Aufführung. Machte da, eben da, das Werk bedeutendes Glück, wie ich nicht zweifle: so würde es dann gewiß auf den meisten Theatern gewünscht werden. Der Faust Klingemanns, der, wie er nun auch seyn mag, überall eingeführt ist und eine gewisse Art des Effects allerdings hervorbringt, erschwert dem Ihrigen ebenfalls den Eingang. Erlauben Sie mir dabey eine Frage! Sie erklären ihn für Ihre beste Arbeit: gehet es Ihnen auch nicht, wie mehrern andern Künstlern, daß sie sich in so fern selbst verkennen, als sie von einer Seite durch ihre innerste Natur, von der andern durch ihren Vorsatz geleitet werden, und nun, was sie dort leichter erringen, dem ungerecht nachstellen, was sie hier schwerer zu Stande bringen? Ich — nach alle dem, was ich von Ihren Werken kenne — ich glaube, Ihre eigentliche Heimath ist, wie J. Haydns u. Beethovens, in der Instrumentalmusik. Da vermögen Sie aber auch alles, wenn Sie nur wollen. Einen schönen und neuen Beweis dafür habe ich erst in diesen Tagen mir wieder verschafft, indem ich mir Ihr Concert aus Emoll (bey Peters) in
Partitur setzen lassen, damit ich etwas Ordentliches und Ausführliches — wie weit dies bey Werken dieser Gattung uberhaupt in meinen Kraften ist — darüber sagen könne. Sie werden meine Anzeige sobald zu lesen bekommen, als sich Platz finden will; wenigstens noch in diesem Jahr: u. ich wünsche, daß Sie damit zufrieden seyn mögen. — Über die zweyte Ihrer Angelegenheiten kann ich kurz seyn. Der König von Preußen hat, wie Sie nun aus öffentl. Blättern wissen werden, in Paris Spontini zum Kapellmeister angenommen. Jene öffentliche Aufforderung, Webers wegen, war wol nur eine Manipulation seiner Berliner Freunde. Auch glaube ich nicht, daß W. von Dresden wegginge; wenigstens würde ichs ihm sehr verdenken: denn, wie er sich in Achtung, und sonst auch, zu setzen gewußt hat, kann sich ein wahrer, und nicht mehr in eitlem Zujauchzen u. dgl. lebender Künstler billiger Weise kaum eine bessere Stelle wünschen. Ihnen
würde es aber dort schwerer geworden seyn, Polledros wegen. — Da ich aber nun Ihre Gedanken und Wünsche uber diesen Punkt kenne, werde ich, im Fall ich künftig etwas Ähnliches erführe, Ihnen Nachrichten geben, und Mittel und Wege, weiß ich sie selbst, gleichfalls. Unser alter, wackerer Schicht wird stumpf, u. ein Schlagfluß scheint ihm nachzuschleichen, der ihn einmal schnell anpacken kann; Schneider erhält dann wahrscheinl. seine Stelle an der Schule: möchten Sie dann Direktor unserer neuen, schönen Oper werden? Schneider ist außerdem auch noch Organist an der Thomaskirche, was er als Cantor nicht bleiben könnte. — Und nun noch ein Wort,
das Sie mir ja nicht mißdeuten dürfen! Muthen Sie mir nicht zu, oft und viel zu schreiben: ich arbeite, oder sitze doch mich ohnehin in ein steifes Alter, und muß mich zurückhalten.
Mit Hochachtung und Freundschaft Sie begrüßend

Rochlitz.