Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.6 <Rochlitz 18170921>
Druck 1: Ludwig Frankenstein, „Aus zwei Jahrhunderten. Unveröffentlichte Musikerbriefe”, in: Neue Zeitschrift für Musik 78 (1911), S. 245-249 und 265-275, hier S. 268f.
Druck 2: Georg Kinsky, Versteigerung von Musiker-Autographen aus dem Nachlaß des Herrn Kommerzienrates Wilhelm Heyer in Köln im Geschäftslokal der Firma Karl Ernst Henrici. Montag, den 6 und Dienstag, den 7. Dezember, Bd. 1, Berlin 1926, S. 99 (teilweise)

Düsseldorf den 21sten September
1817.

Wohlgeborner,
Hochzuverehrender Herr Hofrath,

Seit langer Zeit habe ich keine so reine Freude gehabt als beym Empfang Ihres mir so werthen Schreibens vom 22sten August, (welches ich aber erst vor ein paar Tagen hier, nachdem es mich in Achen und Cölln vergebens gesucht hatte, erhalten habe.)
Von jeher gehörte es zu meinen höchsten Lebensgenüssen mit Männern, die meine Kunst kennen und ehren in Verbindung zu stehen, durch ihre Ansichten die meinigen zu berichtigen und so neben dem Genuß, den das Austauschen von Ideen gewährt, auch noch Nutzen für meine Kunstbildung zu gewinnen. Auch war es nur der gänzliche Mangel an Umgang mit gleichgesinnten Künstlern und Kunstfreunden der mich veranlaßte Gotha, wo ich übrigens sehr zufrieden war, mit Wien zu vertauschen. Wie könnte mir daher (der ich ganz der Kunst lebe, dessen höchst glückliches Familienleben sogar erst durch die Kunst die höchste Würze erhält) wohl etwas erfreulicheres begegnen, als wenn ein allgemein verehrter Kunstkenner und Gelehrter mir zu einer solchen Verbindung die Hand biethet! Mit Herzlichkeit ergreife ich sie und fühle lebhaft, daß von nun an Ihre Theilnahme an mir und meinen Arbeiten die schönste Aufmunterung für mich seyn wird dem fernen Ziele immer mehr nachzustreben. Ich leugne nicht, daß ich früher einiges Mißtrauen gegen die Redaction der M.Z. hegte; aber nie mischte sich etwas persönliches gegen Sie hinein. Es schien mir, als würde ich in Folge eines frühern Zwistes mit dem Verleger der Zeitung, als Künstler zurückgesezt, indem ich zu bemerken glaubte, daß von meinen Sachen, besonders denen bey Kühnel verlegten, nur sehr selten und dann immer sehr strenge Rezensionen erschienen.1 Die, jungen Künstlern so gewöhnliche Eitelkeit nährte diese Idee lange Zeit in mir; nun bin ich aber längst davon zurückgekommen und ich danke Ihnen sehr, diese Angelegenheit zur Sprache gebracht zu haben, weil mir dies Gegenheit gegeben hat, mich so zu erklären.
Und nun glaube ich die mit so theure Versicherung Ihrer Theilnahme nicht vertrauungsvoller erwidern zu können, als wenn ich mir in zwey Sachen Ihren freundschaftlichen Rath und auch wohl Ihre Hülfe erbitte.
Vor meinem Abgange von Wien schrieb ich für unser Theater eine große Oper Faust, die mir von der Direction zwar kontractmäßig honorirt wurde, die aber wegen dem Abgang einiger Sänger für die ich geschrieben hatte nicht gegeben werden konnte. Da ich mir das Verkaufsrecht an andere Theater vorbehalten hatte, so schickte ich sie nach Prag, wo sie auch im September vorigen Jahres von C.M. v. Weber kurz vor seinem Abgange, in Scene gesezt und die drey ersten Male dirigirt wurde. Aus einem Briefe2 von ihm an Meierbeer und von einem Reisenden, der über Prag nach Venedig kam, erführ ich, daß sie sehr gefallen habe und oft wiederholt werde. Ich hoffte daher um so ungeduldiger auf einen Bericht in der M.Z., aber bis jezt vergebens. Da ich seit jener Zeit überhaupt keine Nachrichten von Prag in der M.Z. gefunden habe, so muß ich glauben, daß Sie in dem Augenblick keinen Correspondenten in Prag haben. Dies erklärt nun wohl das gänzliche Stillschweigen über meine Oper; da es aber sicher weit schlimmer ist, wenn von einem öffentlich aufgeführten Werke gar nicht, als wenn selbst auf die nachtheiligste Art die Rede sey, so wünschte ich doch sehr, daß das Versäumte noch nachgeholt werden könnte, um so mehr, da ein Bericht in der M.Z. zur weitern Verbreitung dieser Oper, die ich als das Bedeutendste betrachte was ich bis jezt geschrieben habe, außerorndtlich viel beytragen könnte. Vor einiger Zeit habe ich C.M.v. Weber gebeten über sie etwas zu schreiben3, ich weiß aber nicht, ob er meine Bitte hat stattfinden lassen.4
Die zweite Angelegenheit, die aber eben so viel Wichtigkeit für mich hat, ist folgende: Im Morgenblatt lese ich in einem Bericht aus Berlin, daß es dort allgemein heiße: C.M.v.Weber werde die durch Gürlich’s Tod erledigte Kapellmeister-Stelle erhalten.5 Sollte dies wahr werden, so hätte ich große Lust mich um seine Stelle in Dresden zu bewerben. Von jeher hatte ich eine große Vorliebe für Dresden und schon vor 8 - 10 Jahren war einmal die Rede davon mich dort zu engagiren. Jezt fände sich nun dort ein Wirkungskreis wie ich ihn mir immer gewünscht habe, in welchem ich besonders für deutsche Kunst wirksam seyn könnte. Da ich aber lange nicht dort war, so ist mir die jetzige Lage der Sache völlig unbekannt; ich weiß z.B. nicht, ob Graf Vizthum, der mich immer sehr auszeichnete, noch Intendant der Chapelle ist; ob C.M. v. Weber’s Anstellung unabhängig von der Dauer des deutschen Theaters sey; ob er dort auch in der Schloßkirche abwechselnd mit Morlachi die Messe dirigiere; ob nicht vieleicht Unzufriedenheit mit seiner Stelle, veranlaßt durch Umstände, die auch mir den Platz sogleich verleiden könnten, die Ursache sey, daß er sich um eine Anstellung in Berlin bewerbe und mehr dergleichen. Wäre es nicht zu viel verlangt, so würde ich Sie bitten, mir über diese Punkte einige Nachricht zu geben und Ihren, mir über alles schätzbaren Rath, der mir zur Richtschnur meines Verhaltens dienen sollte, gütigst beyzufügen. Ich sehne mich nun bald nach einer ruhigen Lage, weil meiner beyden Mädchen6 ausgezeichnetes Talent für Musik es mir zur Pflicht macht, sie ernstlich unterrichten zu lassen, was auf der Reise nicht möglich ist. Ich habe zu diesem Behuf mir vorgenommen einige Jahre in Paris zu privatisiren; könnte ich aber eine schickliche Stelle im deutschen Vaterlande finden, so wäre es mir freylich lieber.
Doch ich muß abbrechen, um nicht unbescheiden zu werden. Sollten Ihnen Ihre Geschäfte erlauben, mich mit einigen Zeilen Antwort zu erfreuen, so bitte ich den Brief an Hrn. Musikdirector Kleine in Amsterdam gefälligst zu adressiren, wo ich in 14 bis 20 Tagen einzutreffen gedenke.
Mit unbegränzter Hochachtung und Ergebenheit

Ganz der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Gürrlich, Joseph
Kleine, Hendrik Christiaan
Morlacchi, Francesco
Vitzthum von Eckstädt, Heinrich von
Weber, Carl Maria von
Wolff, Ida
Zahn, Emilie
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Erwähnte Orte: Aachen
Amsterdam
Dresden
Gotha
Köln
Paris
Prag
Venedig
Wien
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Dresden>
Theater <Prag>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1817092106

http://bit.ly/28KUFJh

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Rochlitz an Spohr, 22.08.1817. Rochlitz beantwortete diesen Brief am 01.10.1817.
Auf die Wiedergabe des Transkripts von Druck 1 ist hier verzichtet, da er - abgesehen von der Transkription des Namen Gürlich als „Görlich” - Spohrs Autograf entspricht.

[1] Sehr früh wurde Spohrs Personalstil kritisiert: „Rec. wird weiter unten Gelegenheit finden, zu sagen, warum ihm diese ganze Modulation durch die enharmonische Verwechslung missfällt; dann verwischt aber auch die bequeme, verbrauchte Weise der Rückkehr aus der fremden Sphäre in die bekannte Heimath ganz den beabsichtigten Eindruck. Es ist ein glänzendes Meteor, das sich in wässrigen Nebel auflöst.” ([E.T.A. Hoffmann], Rez. „Première Symphonie [...] par Louis Spohr”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 13 (1811), Sp. 797-806 und 813-819, hier Sp. 802). „Uebrigens war die Composition an sich, trotz dem, dass fast in alle 24 Töne modulirt wurde, doch etwas kalt und monoton – was der Kenner und Nichtkenner empfand; Styl, Schreibart ist zu gemischt; die Haupttonart etwas unbestimmt und zu viel aus den Augen gelassen, (ein gewöhnlicher Fehler der neuern Componisten,) die, mitunter zwecklosen Modulationen sind zuweilen widerwärtig hart und selbst mit Zwang geführt, und endlich die Anzahl der Dissonanzen und enharmonischen Verwechslungen zu groß.” (zum Klarinettenkonzert op. 57: „Briefe über die Musik in Karlsruhe. Siebenter Brief”, in ebd. 14 (1812), Sp. 599-609, Sp. 601).

[2] Der erwähnte Brief von Weber an Meyerbeer scheint derzeit verschollen zu sein; Spohr erwähnt diesen Brief auch in seinem Brief an Carl Friedrich Peters, 25.03.1817 und in seinem Tagebucheintrag vom 23.12.1816 (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 299, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 333f.; vgl. Giacomo Meyerbeer, Briefwechsel und Tagebücher, Bd. 1, hrsg. v. Heinz Becker, Berlin 1960, S. 319).

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[4] Stattdessem kündigte Weber die Aufführung an: Karl Maria von Weber, „Dramatisch-musikalische Notizen”, in: Kaiserlich-Königliche privilegirte Prager Zeitung (1816), S. 975; Nachdruck in: Carl Maria von Weber, Hinterlassene Schriften, hrsg. v. Theodor Hell, Bd. 2, Dresden und Leipzig 1829, S. 156-160).

[5] „Berlin, den 8. July”, in: Morgenblatt für gebildete Stände 11 (1817), S. 719f., hier S. 720.

[6] Spohrs Töchter Emilie, später verh. Zahn, und Ida, später verh. Wolff.

Lit.:
Georg Kaiser, „Einige Randbemerkungen zu den in Heft 18 abgedruckten Briefen Spohrs und Schuberts”, in: Neue Zeitschrift für Musik 78 (1911), S. 341f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.06.2016).

Ausführliches Schreiben an Hofrat Friedrich Rochlitz in Leipzig: „Von jeher gehörte es zu meinen höchsten Lebensgenüssen mit Männern, die meine Kunst kennen und ehren in Verbindung zu stehen, durch ihre Ansichten die meinigen zu berichtigen und so neben dem Genuß, den das Austauschen von Ideen gewährt, auch noch Nutzen für meine Kunstbildung zu gewinnen ...” Beklagt sich über die geringe Berücksichtigung und strenge Beurteilung seins Schaffens in der ,Allg. musik. Zeitung’; bittet über die von C.M. v. Weber geleiteten Prager Aufführunger seiner Oper ,Faust’ einen Bericht zu bringen und ihm über die Dredener Verhältnisse Auskunft zu geben, da er sich dort um den durch die etwaige Berufung Webers nach Berlin vielleicht freiwerdenden Kapellmeisterposten bewerben wolle.