Autograf: Beethoven-Haus Bonn (D-BNba), Sign. HCB Br 351
Druck 1: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 113f. (teilweise)
Druck 2: Ferdinand Ries, Briefe und Dokumente, hrsg. v. Cecil Hill (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn 27), Bonn 1982, S. 111f.

London d 10 Dez. 1816

Hochzuverehrender Herr!

Mit dem innigsten Vergnügen ergreife ich die erste Gelegenheit die sich mir darbietet, mit Ihnen in eine etwas nähere Bekanntschaft zu treten, ein Wunsch, den ich schon so lange hegte, den aber das Schicksal mir nie gewähren wollte; und unendlich würde ich mich freuen, wenn ich nun den doppelten Genuß haben sollte, Ihnen endlich persönlich kennen zu lernen. Obschon Ihre Werke mir schon oft den reichlichsten Genuß gewährten, so müssen diese ohne Ihren eigenen Vortrag nach dem Urtheile mehrerer meiner Freunde, doch nur halb seyn. Das Gerücht hat sich hier verbreitet, daß Sie diesen Winter gedächten nach London zu kommen, und dies ist die Veranlassung dieses Briefes.
Die Philharmonische Gesellschaft, die Ihnen wahrscheinlich dem Namen nach, schon bekannt ist, und wovon ich ein Mitglied bin, die sich es zum innigsten Vergnügen macht, große Künstler nicht allein zu besitzen, sondern auch als Freund aufzunehmen und als sochen zu unterstützen, hat mir aufgetragen an Ihnen deswegen zu schreiben. Nemlich – daß wir uns alle glücklich fühlen würden1, einen solchen Künstler, so ausgezeichneten, in unserer Mitte zu sehen und wünscht auch zu wißen, ob Sie geneigt seyn würden ein Engagement anzunehmen und welches Ihre Bedingniße seyn würden? Wir haben 8 Concerten, das erste ist den 24 Februar und alle 14 Tage folgt ein anderes.
Doch ist es nöthig, Ihnen einen kleinen Begriff der Einrichtung zu geben. Seit 4 Jahren ist dieses Concert durch die ersten hiesigen Künstler, nehmlich Viotti, Clementi, Salomon, Cramer etabliert, um die Instrumental Musik, die durch die Uberschwemmung von Sängern beynahe ganz zu Grunde gerichtet war, wieder empor zu heben. Es wurden also einige Regeln gemacht, z.B. das alle Künstler gleichen Rang haben sollten und die ausgezeichnetetsten einen um den andern anführen sollten. Dadurch stand nun Viotti, Baillot, Salomon, Vaccari &c ofter nebeneinander an den Repiennostimmmen, und dieses gab dem Concerte einen solchen namen, daß es nun das erste hier ist und für einen Künstler, der nach London zu kommen gedenkt, den bedeutendsten Eintritt giebt. (Denn Musikkenner noch Liebhaber ist der Engländer besonders nicht) Ein Concert zu spielen, ist verboten, es soll ein Concertante seyn, doch sieht man die Nothwendigkeit und Billigkeit ein, einem fremden Künstler ganz die Wahl zu lassen, was er spielen will, und man nennt ein Concert nur ein Concertante, und es ist gut damit. Es wird wahrscheinlich verlangt werden, daß Sie in jedem Concerte mit spielen sollen, doch n i c h t in jedem ein Solo.
Dies ist der Auftrag, durch den ich das Vergnügen habe, an Ihnen zuschreiben. Doppelt angenehm würde mir die Antwort, zugleich als Vorbote Ihrer baldigen Ankunft seyn, und mir dadurch Gelegenheit gegeben würde, Ihnen bessere Beweise als Worte zugeben.
Ich schmeichle mir, recht bald einen Brief von Ihnen zu erhalten, genehmigen Sie die Versicherung meiner innigsten Achtung, mit der ich verbleibe

Euer Wohlgeboren
ergebenster Diener
Ferd. Ries

P.S. Ich habe eine Kopie dieses Briefes an N. Simrock in Bonn gesendet2, damit Sie einen oder den andern Brief desto eher erhalten möchten.
Meine Adresse Ferd. Ries
Mesrs B.A. Goldschmidt
London

Erwähnte Personen: Baillot, Pierre
Cramer, Johann Baptist
Salomon, Johann Peter
Vaccari, Francesco
Viotti, Giovanni Battista
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: London
Erwähnte Institutionen: Philharmonic Society <London>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1816121043

http://bit.ly/2aqXWOq

Spohr



Mit diesem Brief beginnt offensichtlich die Korrespondenz zwischen Ries und Spohr. Der nächste derzeit erschlossene Brief dieser Korrespondenz, Spohr an Ries, 24.03.1817, ist vermutlich die Antwort auf diesen Brief. [Ergänzung Karl Traugott Goldbach, 07.09.2016:] Aus Spohr an Carl Friedrich Peters, 25.03.1817 geht hervor, dass dieser Brief dem derzeit verschollenen Brief Peters an Spohr, 10.01.1817 beilag.

[1] „würden” über der Zeile eingefügt.

[2] Spohr stand zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Verlag Simrock in Bonn in einem Geschäftsverhältnis (vgl. Spohr an Nikolaus Simrock, 18.02.1816), zu dem auch der gebürtige Bonner Ferdinand Ries Kontakt hatte.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.07.2016).