Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.7 <Schmidt 18111004>

Hannover den 4ten
October 1811.

Mein geliebter Freund und Br.1,

So eben erhalte ich einen Brief von Ihrem Director Schröder woraus ich ersehe, daß die Schwierigkeiten, die der Aufführung meiner Oper entgegenstehen, noch immer nicht hinweggeräumt sind. Dieß veranlaßt mich, Sie mit der Bitte zu belästigen, doch wo möglich diese Hindernisse zu beseitigen, damit gleich nach meiner Ankunft in Hamburg die Proben zur Oper ihren Anfang nehmen können; und mein Aufenthalt nicht gar zu lange ausgedehnt werde. Da ich nicht weiß, ob Sie mit der Laage der Sache gehörig bekannt sind, so will ich sie Ihnen kürzlich hererzählen. Vor etwa 10 Tagen, kurz vor meiner Abreise aus Gotha erhielt ich einen Brief von Herr D. Schröder worin er mir meldete, daß Mad. Becker die Partie der Isabella nicht übernehmen wolle, ihrer Figur und der Tiefe der Sopranparthie wegen.2 Diese letzte hätte ich nun leicht verändern können, da aber der Einwurf wegen ihrer Figur nur gar zu gegründet ist, wie ich das schon früher selbst gegen Herrn Schröder äußerte, so machte ich diesem den Vorschlag, die beyden Damen Gley und Becker ihre Rollen tauschen zu lassen, wodurch keine einbüßen würde, indem beyde Parthien gleich brillant und dankbar sind, und wodurch gleich alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt wären.3 Allein Herr D. Schröder schreibt mir heute, daß Mad. Gley ihre Parthie nicht wieder herausgeben wolle, und daß die Oper ohne Mad. Becker gar nicht gegeben werden könne. Zwar nennt er mir Mad. Lichtenheldt, als eine brave Sängerin, der die Rolle der Isabelle nun zufalle, findet aber auch für diese die Parthie zu tief4, ohnerachtet ich ihm geschrieben hatte, daß die wenigen tiefen Stellen leicht abzuändern wären.5
Sie kennen die Bedingungen, unter denen ich diese Oper geschrieben habe, wissen allso, daß ich in pecuniärer Hinsicht gar keine Vortheil noch Nachtheil davon habe, ob die Oper jezt während meiner Anwesenheit in Hamburg gegeben wird oder nicht6. Da ich doch aber diese Reise bloß wegen der Oper mache; da eine Hauptabsicht bey der Komposition dieses Werks war, mir einen Nahmen als Gesangkomponist zu erwerben, und da ich 3tens fest überzeugt bin, daß wenn sie nicht während meiner Anwesenheit gemacht wird, die Musick größtentheils7 verfehlt werden wird und dadurch der Efect gestört werden muß, so bitte ich Sie brüderlichst und freundschaftlichst sich der Sache anzunehmen und womöglich dahin zu arrangiren, daß die beyden Damen Gley und Becker ihre Rollen wechseln; sollte dieß aber durchaus nicht angehen, lieber die Rolle der Isabelle der Mad. Lichtenfeld geben, als die Oper nun gar nicht zu geben, wodurch meine Reise ihren ganzen Zweck verlieren würde.
Sprechen Sie doch gefälligst mit Herr Schröder; und da dieser vieleicht wegen seiner unangenehmen Lage von der er mir schrieb8, zu verstimmt ist, um sich der Sache thätig anzunehmen, so wende ich mich deswegen an Sie, mit der Überzeugung, daß es Ihnen nicht an Einfluß auf die dabey interessirten Personen fehlen kann, und daß Sie auch aus Freundschaft für mich sich gern meiner Bitte unterziehen werden.
In einigen Tagen gebe ich hier mit meiner Frau Concert; reise den 10ten nach Bremen und gedenke etwa den 20sten oder 22sten in Hamburg einzutreffen.
Sollten es Ihre Geschäfte erlauben, so haben Sie wohl die Güte mir einige Zeilen nach Bremen zu schreiben, unter irgend einer Adresse eines dortigen Musikfreundes oder auch poste restante.
Mit herzlicher Freundschaft und Br.liebe

der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Becker, Wilhelmine
Gley, Christine
Lichtenheld (Sängerin)
Schröder, Friedrich Ludwig
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Zweikampf mit der Geliebten
Erwähnte Orte: Bremen
Hamburg
Hannover
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Hamburg>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1811100417

http://bit.ly/2xTvXEe

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Friedrich Ludwig Schröder an Spohr.
Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schmidt, 05.10.1823, aus dem sich noch ein vorhergehender, derzeit verschollener Brief von Schmidt an Spohr erschließen lässt.

[1] Abkürzung für „Bruder“: Spohr und Schmidt waren beide Freimaurer.

[2] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[4] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[5] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 145f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1861, S. 163.

[6] Vgl. den Vertrag zwischen Schmidt und Spohr, 08.03.1810 sowie Denkwürdigkeiten des Schauspielers, Schauspieldichters und Schauspieldirectors Friedrich Ludwig Schmidt (1772-1841), hrsg. v. Hermann Uhde, Bd. 1, Hamburg 1875, S. 300.

[7] Hier gestrichen: „fer“.

[8] „ von der er mir schrieb“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.06.2018).