Autograf: Geheimes Staatsarchiv, Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin (D-Bga), Sign. 5.2.G39, Nr. 235
Druck 1: Philippe A. Autexier, La lyre maçonne. Mozart, Haydn, Spohr, Liszt, Paris 1997, S. 218 (frz. Übers.)
Druck 2: ders., Lyra Latomorum. Das erste Freimaurerliederbuch. Masonica über Haydn Mozart Spohr Liszt, pdf-Version nach dem Typoskript im Deutschen Freimaurermuseum Bayreuth, S. 309ff.

Hochwohlgeborener
Hochzuverehrender Herr Oberschenk,

Das gnädige, ich darf sagen freundschaftliche Wohlwollen womit mich Ew. Hochwohlgeb. stets beehrt haben, macht mich so dreist eine unterthänige Anfrage zu thun, von deren Beantwortung mein fernerer Reiseplan abhängen wird. Wir werden nun in einigen Tagen in Breslau seyn und folglich einen Entschluß fassen müssen, ob wir unsere Reise nach Rußland fortsetzen oder über Berlin, Hamburg u. s. w. nach Gotha zurückkehren wollen. Die zwey Hindernisse die dem erstern Plane entgegenstanden, sind glücklich gehoben; der lang gehofte Friede ist geschlossen und die Gesundheit meiner Frau auf die die Reise und Veränderung der Luft einen wohlthätigen Einfluß zu haben scheint, ist so fest, daß sie der Reise nach Rußland mit Ruhe entgegen sieht.
Der Zweck dieser Reise ist Ew. Hochwohlgeb. bekannt. Die vielen Ausgaben zu denen mich die langwierige Krankheit meiner Frau und meines ältesten Kindes veranlasten, nöthigten mich einige Schulden zu machen.1 Diese zu bezahlen und mich vor Nahrungssorgen in Zukunft sicher zu stellen, war der Erwerb der Reise bestimmt. Leider scheint es aber, als wenn unsere Ärndte mehr in einem enthusiastischen Beyfall (der uns noch nie in dem Maaße zu Theil wurde) als in klingender Müntze bestehen soll. Denn bis jezt haben wir, ohnerachtet unser Concert in Leipzig2 besser wie vor 2 Jahren und das in Dresden wenigstens nicht schlechter war, kaum mehr wie die Reisekosten erübrigen können. Auch dürfen wir nicht hoffen, wenn wir über Berlin Hamburg u.s.w. nach Gotha zurückkehren, sehr viel zu gewinnen, da diese Städte theils vom Kriege sehr gelitten, theils auch sehr weit von einander entfernt sind, und die Reise dahin sehr kostspielig ist. Ich wage es daher bey Ew. Hochwohlgeb. unterthänig anzufragen, ob ich mir mit der Hoffnung schmeicheln darf, bey meiner Rückkehr durch eine Zulage oder durch das Engagement meiner Frau, künftigen Nahrungssorgen überhoben zu werden, (zu welchem leztern Sie mir schon eine entfernte Hoffnung bey unserer Abreise zu machen die Gnade hatten).
Erhielte ich diese erfreuliche Zusicherung, so würde ich allerdings lieber über obengenannte Städte sogleich nach Gotha zurückkehren und vielleicht schon in in Februar dort eintreffen, als mich den Beschwerden einer langen und mühevollen Reise aussetzen. Könnten mir Ew. Hochwohlgeb. diese Zusicherung aber nicht geben, so bliebe mir nur die Reise nach Rußland übrig, und ich bäte alsdann unterthänig um Verlängerung des Urlaub, indem wir eingezogenen Erkundigungen zu folge, nur durch einen längern Aufenthalt in Rußland den Zweck der Reise, uns ein kl. Vermögen zu erwerben, werden erreichen können, wozu uns auch Empfehlungen von Weimarschen Hofe, die wir zu erhalten so glücklich gewesen sind, sehr behülflich seyn werden. — Da unser Aufenthalt in Breslau wohl nicht länger als 14 Tage dauern wird so ersuche ich Ew. Hochwohlgeb. unterthänig mich bald möglichst mit einigen Zeilen Antwort zu beehren.
In Leipzig wohnte ich einer Lehrlings-Receptions □3 bey und wurde von dem Meister, dem Kammerrath Limburger4 mit vieler Artigkeit behandelt. Es wurde ein Kaufmann aus Moskau5
aufgenommen. Ich lernete dort zum erstenmahle das Schrödersche System kennen, muß aber gestehen, daß mich sowohl die Eröffnung so wie die Führung der Loge wie auch die Aufnahme des Aspiranten sehr kalt gelassen haben. Es scheint mir als wenn dieses System gar zu sehr von allen ceremoniellen und sinnlichem entkleidet wäre. Was mir besonders mißfiel, war, daß die Loge in der Mitte suspensirt6 wurde, und die heilige Stätte dann durch lärmendes und profanes Geschwäz entheiligt wurde. In Dresden war während meiner7 Anwesenheit keine Arbeit.8 Hier lernete ich in dem Meister vom Stuhl9 einen liebenswürdigen und eifrigen Maurer kennen. Auf seine Bitte komponire ich einige Lieder für die hiesige Loge. Als Maurer freue ich mich besonders auf den Aufenthalt in Breslau.
Meine Frau läßt sich Ihnen aufs ergebenste empfehlen und ich habe die Ehre zu seyn

Ew. Hochwohlgeb.
ganz gehorsamster Diener
Louis Spohr.

Um gütige Besorgung einliegendes Briefes bittet meine Frau
ergebenst.

Bauzen den 7ten
November 1809.

Erwähnte Personen: Bischoff, Johann Nicolaus
Limburger, Christian Gottfried
Limburger, Jacob Bernhard
Mella (Kaufmann aus Moskau)
Salisch, Carl Heinrich von
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Breslau
Dresden
Leipzig
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1809110717

http://bit.ly/2yoN8cJ

Spohr



Der letzte belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Salisch, 06.01.1808. Salischs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Vgl. „Im Frühjahr 1809 sah ich mich durch die außergewöhnlichen Ausgaben, die die Niederkunft und die darauffolgende Krankheit meiner Frau wie der dadurch nötig gewordene Umzug in eine zweite Wohnung außerhalb der Stadt verursacht hatten, so in meinen Finanzen bedrängt, daß ich ernstlich wünschen mußte, die Zusage baldiger Gehaltserhöhung, die mir bei meiner Anstellung gemacht worden war, zur Wahrheit werden zu sehen“ (Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 123, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; dass. in: ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 1, Kassel und Göttingen 1860, S. 135).

[2] Vgl. „Leipzig“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 12 (1810), Sp. 61ff., hier Sp. 62f.

[3] □ = Abkürzung für Loge (vgl. Autexier, Lyra, S. 75).

[4] Identifikation als Christian Gottlieb Limburger nach Autexier, Lyra, S. 311.

[5] Anmerkung Autexier: „Mella“.

[6] Sic!

[7] Hier gestrichen: „Arbeit“.

[8] Vgl. dagegen „Spohr berichtete seiner Loge in Gotha mehrfach von seinen auswärtigen Logenbesuchen (u.a. ,Balduin zur Linde‘ in Leipzig, ,Zum goldenen Apfel‘ in Dresden, ,Friedrich zum goldenen Szepter‘ in Breslau 1809).“ (Peter Volk, „Spohr, Ludwig (1784-1859)“, in: Freimaurerische Persönlichkeiten in Europa, hrsg. v. Helmut Reinalter (= Quellen und Darstellungen zur europäischen Freimaurerei 16), Innsbruck, Wien und Bozen 2014, S. 145ff., hier S. 146).

[9] Johann Nicolaus Bischoff (vgl. Autexier, Lyra, S. 312).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.11.2017).