Autograf: Accademia Filarmonica di Bologna, Archivio Biblioteca (I-Baf)
Druck: Eug[en] v[on] Pirani, „Vermischtes“, in: Neue Zeitschrift für Musik 92 (1896), S. 318 (teilweise)
Inhaltsangabe: Catalogo della Collezione d‘Autografi l‘asciata alla R. Accademia Filarmonica di Bologna dall‘Academico Ab. Dott. Masseangelo Masseangeli, Bologna 1881, S. 390
Beleg: Esposizione internazionale di Musica in Bologna – 1888. Catalogo ufficiale, Parma 1888, S. 70

Wohlgeborner,
Hochzuverehrender Herr Canzleysekretair

Schon längst hätte ich Ihnen von der Progression unsers Freundes Wizmann Nachricht gegeben und zugleich Ihr letztes geehrtes Schreiben beantwortet, hätte ich nicht vorher noch einige Versuche abwarten wollen, diesem seine Muthlosigkeit, mit der ich fast immer, wie Sie es mir vorher sagten, zu kämpfen habe, zu beehren. Allein bis jezt hat es mir noch immer nicht recht damit glücken wollen. Wahr ist es, daß er kein außerordentliches Genie besizt, (ohnerachtet ich ihm dieß nie merken lasse) daß er sich nie zu den Herren der Kunst hinaufschwingen wird, besonders da er kein Talent zur Komposition1 verräth, aber deswegen darf er nicht verzweifeln ein ausgezeichneter Geiger zu werden. Die Eigenschaften die darzu erfordert werden besitzt er alle. Er hat ein für reine Intonation gebildetes Gehör die zum Violinspielen gehörige körperliche Kraft, und einen ziemlich regen Sinn für geschmakvollen Vortrag. Doch muß dieser noch mehr geweckt werden. Durch anhaltenden Fleiß hat er es dahin gebracht, daß seine linke Hand eine etwa festere Haltung bekommen hat, wodurch sein Ton gewonnen2 und seine Intonation mehr bestimmtes erhalten hat. Dieß habe ich besonders durch fleißiges Spielen der Rodischen Sachen mit ihm bewürkt, weil dort so vieles auf einer Saite gemacht werden muß, wozu durchaus eine sehr feste Disposition der linken3 Hand gehört, wenn man es sauber und gewandt machen will. Mit seinem Striche bin ich noch nicht so zufrieden. Er hält mir den Ellbogen noch zu hoch und gebraucht den Bogen zu wenig, auch weiß er noch nicht damit zu nüanciren. Doch das wird sich alles noch finden, wenn er nur den Muth nicht sinken läßt.
Vor einigen Tagen kam der junge Mensch4 hier an von dem ich Ihnen in meinem letzten Briefe schrieb. Er verräth vieles Talent und hat dadurch unsern guten Wizmann ganz muthlos gemacht. Ich habe ihn aber wieder angefeuert, und ich hoffe5 von dem Vergleiche(???) dieser jungen Leute großen Nutzen für beyde.
Ich empfehle mich Ihrer fernern Gewogenheit und bin

Ew. Wohlgeb.
gehors. Diener un[d]
Freund
L. Spohr

Gotha den 10ten Febr.
1807.

Erwähnte Personen: Hildebrandt, Friedrich Wilhelm
Witzenmann, Johann Friedrich
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1807021017

http://bit.ly/2KlJCKw

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Keller an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Keller, 17.10.1807.

[1] Hier gestrichen: „besitzt“.

[2] Hier gestrichen: „hat“.

[3] „linken“ über der Zeile eingefügt.

[4] Vermutlich Friedrich Wilhelm Hildebrandt (vgl. Spohr an Keller, 26.12.1808).

[5] „hoffe“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.04.2019).