Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,233

Verehrter Gönner und Freund!

Gleich nach Empfang Ihres lieben Briefes ging ich zu Reißiger, welcher mir sagte, daß sie mit dem Opern-Repertoire1 jetzt ganz im Pech seyen und von jetzt bis Ende Juni sich nur so durchflicken müssen, indem Tichatschek seinen Urlaub bereits angetreten hat, und Frau Bürde-Ney am 20sten abreisen wird. Uebrigens versprach er, gleich am nächsten Morgen selbst an Sie zu schreiben, weshalb ich vermuthe, daß Sie nun seinen Brief schon in Händen haben.2
Was nun die Aachener Angelegenheit betrifft, so muß ich Ihnen vor allem Anderen meinen verbindlichsten Dank aussprechen, daß Sie meiner wieder so freundlich gedacht haben. Diese Sache hat allerdings Vieles für sich, besonders, weil ich mir schon öfter gewünscht habe, auf einmal in den schönen Rheinlanden musikalisch wirken zu können. Da mir jedoch die näheren Verhältnisse einer derartigen Stellung eigentlich noch ganz unbekannt sind, ich aber bei anderen Gelegenheiten doch schon einzelne pro und contra’s darüber vernommen habe, so fand ich vor Allem für nöthig, um die näheren details mich zu erkundigen, und habe daher bereits gestern an Herrn Ackens geschrieben und ihn um Beantwortung einiger Fragen gebeten.
Das Resumé dieser Fragen ist: ob die damit verbundene Beschäftigung mir nicht zu viel Zeit raubt, ob der der ziemlich geringe Gehalt nicht erhöht werden kann, und ob die zufordernden Leistungen auch derartig sind, daß sie sich mit meinem dienstlichen Charakter als Fürstlicher Hofkapellmeister vertragen, denn das bin ich ohne Zweifel meinem Fürsten schuldig, mich in keine Verpflichtungen einzulassen, welche mich und also indirecte auch seine Hoheit selbst, compromittiren könnten. – Nicht Faulheit ist es, wass mich zu der erstbenannten fragen veranlaßte, sondern rein nur der Drang zu möglichst vielen Selbstschaffen.
Wir wollen nun sehen, wie die erbetene Antwort ausfüllt; im günstigen Falle gehe ich wenigstens auf eine gewisse, noch näher zu bestimmende Zeit (gleichsam Probezeit) hin, das Weitere wird sich denn finden. – Recht leid thut es mir, daß Ihr Project in der Charwoche den Idomeneo hier zu hören, nicht in Erfüllung gehen kann, und daher Ihr diesmaliges Hieherkommen unterbleiben wird, indessen hoffe ich, Sie doch noch im Laufe des Sommers hier zu sehen und Ihren Cicerone machen zu können. – In meinem letzten Briefe habe ich vergessen, mich um Ihr Befinden zu erkundigen, denn leider habe ich vor einigen Monaten schon wieder von einem Fall gelesen; doch da Sie nichts davon erwähnen, so scheint die Sache glücklicherweise von keiner besonderen Bedeutung und daher Alles schon wieder in Ordnung zu seyn. – Wenn es nöthig werden sollte, werde ich mir Betreff der Aachener Geschichte Ihren freundlichen Rat einholen; aus diesem Grunde schon wäre es mir lieb gewesen, wenn wir die Freude gehabt hätten, Sie bald hier zu sehen. –
Unter den freundlichsten Grüßen von Haus zu Haus mit den bekannten Gesinnungen von ganzem Herzen

Ihr
Th. Täglichsbeck

Dresden, am 11. März 1858.

Autor(en): Täglichsbeck, Thomas
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Ackens, Christian Felix
Bürde-Ney, Jenny
Reißiger, Carl Gottlieb
Tichatschek, Joseph
Erwähnte Kompositionen: Mozart, Wolfgang Amadeus : Idomeneo
Erwähnte Orte: Aachen
Dresden
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Dresden>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1858031143

http://bit.ly/252NDDR

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Täglichsbeck, 09.03.1858. Der nächste und zugleich späteste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Täglichsbeck an Spohr, 04.07.1858.

[1] Spohr hoffte in Dresden Mozarts Idomeneo sehen zu können.

[2] Vgl. Carl Gottlieb Reißiger an Spohr, 11.03.1858.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.05.2016).